)
Vom Hobby für Sonderlinge zum neuen Trend: Vogelgucken ist in. Warum eigentlich?
Birdwatching klingt für viele immer noch nach verschrobenen Naturfreund:innen mit Fernglas und wetterfester Jacke. Tatsächlich entdecken aber immer mehr Menschen die Freude am Vogelbeobachten für sich. Kein Wunder: Wer sich einmal auf die Welt der gefiederten Nachbarn einlässt, findet Abenteuer, Entspannung und erstaunliche Geschichten oft direkt vor der eigenen Haustür.
"Eigentlich bin ich ja auch ein Vogelgucker. Erzähle ich aber niemandem. Sonst bekomme ich nie eine Frau!“ Das hat ein Journalisten-Kollege einmal vor vielen Jahren zu mir gesagt. Inzwischen ist er längst glücklicher Familienvater. Und Vogelgucken ist plötzlich angesagt.
Wie konnte das passieren? Denke ich mir, und krieche am frühen Morgen durchs nasse Gras. Es ist saukalt, ich habe noch nicht gefrühstückt. Der kleine Stuhl, den ich mir extra gekauft habe, liegt trocken und sauber zu Hause. Das Licht ist obendrein bescheiden. Die Knie schmerzen vom Hocken. Ich sehe aus wie ein mittleres Ferkel mit Fernglas.
)
Das alles beeindruckt den kleinen Sumpfrohrsänger überhaupt nicht. Genau wie der alte Journalisten-Kollege damals, ist der hübsche aber eher unscheinbare kleine Vogel auf Partnersuche. Den ganzen weiten Weg vom afrikanischen Kontinent ist er dafür bis nach Gerresheim geflogen. Düsseldorfer wissen: Es gibt schlechtere Orte.
Weil Tinder für Vögel aber noch nicht erfunden ist, hat der muntere Vertreter aus der Familie der Rohrsängerartigen (heißt wirklich so) eine spezielle Methode: Er singt sich die Seele aus dem Leib. Und das mit einem Einfalls- und Variantenreichtum, der hier bei uns seinesgleichen sucht. Dabei bedient er sich ohne jede Berücksichtigung des Urheberrechtes bei allen möglichen Gesängen von Kollegen, mixt, setzt neu zusammen und hüpft derweil durch die Büsche, die sein Revier ausmachen. Sein akustischer Zauber kann locker mit jeder Nachtigall mithalten. Nur welcher Dichter hätte je vom Sumpfrohrsänger geschrieben?
Kleine, grau-braune Vögel sind – das muss ich gestehen – meine große Vogelgucker-Leidenschaft. Nicht zuletzt auch deswegen, weil viele von ihnen es musikalisch faustdick hinter den Ohren haben. Irgendwann sind Kälte, Hunger und Nässe vergessen. Denn morgens um 6 Uhr habe ich dieses Wahnsinns-Konzert exklusiv.
Ein paar Meter weiter sind Neuntöter zu finden. Das weiß ich von einem früheren Besuch. An diesem Morgen allerdings lassen sie sich nicht blicken. Vermutlich auch deswegen, weil die Bienen und Hummeln, die von den Vögeln, die auch auf den freundlichen Namen Rotrückenwürger hören, so gerne genascht werden, noch gar nicht unterwegs sind. Und während ich so in den Morgen starre, in der Hoffnung, auch die zweite tolle Sichtung dieses Tages zu gewinnen, will eine neugierige Joggerin wissen, was ich da eigentlich mache. Sie schaut stark irritiert, als ich ihr verrate, dass ich Neuntöter suche. Ich könnte schwören sie denkt, ich sei auf der Suche nach einem Serienmörder. „Ist ein Vogel“, schiebe ich deshalb schnell hinterher.


An diesem Morgen wird es nichts mehr mit dem gefiederten Hummel-Schreck. Dafür verrät mir ein freundlicher Rotmilan, wo sein Nest zu finden ist.
Beschwingt - wenn auch mit steifen Knien und nasser Hose - radel ich durchgefroren und hungrig nach Hause. Im Ohr den Gesang des Sumpfrohrsängers. Auf der Kamera richtig schöne Fotos von ihm. Eigentlich kein Wunder, dass Vogelgucken plötzlich so angesagt ist. Es kann nämlich ziemlich glücklich machen. Happy Birding!