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Kufe & Co. – unterwegs mit den Mannschafts­betreuern der DEG

Wie sich Mike Lindner und Gunnar Genuttis jeden Tag für den Erfolg der DEG ins Zeug legen

Gunnar Genuttis beim Ausmessen einer Kufe.

Männer, die waschen, nähen und föhnen. Wo findet man so etwas heute noch? In einer wirklich intakten Familie. Zum Beispiel in der DEG-Familie. Hier kümmern sich Mike Lindner und Gunnar Genuttis um ihre „Eisheiligen“. Was sind die Aufgaben der zwei Mannschaftsbetreuer? Was bewegt sie, morgens als Erste da zu sein und abends als Letzte vom Eis zu gehen? Wir haben sie gefragt.

„Man muss positiv bekloppt sein, um diesen Job zu machen“, bringt Mike Lindner seine Begeisterung für den Eissport auf den Punkt. Die begann bereits, als er sechs war, bei den Bambini der Ratinger Löwen. Mit sieben entführte ihn sein Vater dann in das legendäre Eisstadion an der Brehmstraße. Seitdem kommt er vom Eis nicht mehr los. Er sprintet, dribbelt und punktet sich nach vorne. Bis in die zweite Liga. Eine schwere Verletzung bremst ihn aus. Aber nach sechs Jahren auf grauem Asphalt, angestellt im Außendienst, zieht es ihn magisch zurück aufs Eis. 2010 heuert er bei seiner Herzensmannschaft – der DEG – an: als Betreuer.

Zitat Anfang

Man muss positiv bekloppt sein, um diesen Job zu machen.
Mike Lindner, Mannschaftsbetreuer der DEG

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Wenn alle Stricke reißen, ist Mike Lindner zur Stelle

Genauer gesagt: zur Nahtstelle. Mal mit seiner alten gusseisernen Singer, „die immer noch näht wie Hulle“, wie er betont. Mal mit der hochmodernen Schuhnähmaschine von Claes, die durch das festeste Gewebe wie durch Butter gleitet. Der 43-Jährige flickt, stopft und kittet, was das Zeug hält beziehungsweise nicht hält. Damit es der nächsten Zerreißprobe auf dem Eis gewachsen ist – denn die kommt bei einem der vielen Spiele in der Deutschen Eishockey Liga garantiert. Darüber hinaus sorgt Lindner für den sauberen Auftritt seiner Jungs. „Jeden Tag habe ich Wäsche für mindestens drei 20-kg-Maschinen. Das sind drei große Einkaufswagen, randvoll mit Unterwäsche, Trikots, Stutzen und 180 Handtüchern pro Spiel.“ Damit nichts durcheinanderkommt, halten Wäschebänder mit Spielernummern die guten Stücke zusammen. Früher musste man alles einzeln auseinanderklamüsern. Heute läuft das wie am Schnürchen.

Er schleift die Kufen für den Einsatz – Gunnar Genuttis

Während sich Mike Lindner um die „Soft-Wear” seiner Schützlinge kümmert, widmet sich Gunnar Genuttis mit dem gleichen rot-gelben Herzblut der Hardware: den Kufen, Schlägern, Helmen und Pucks. Der agile 37-Jährige hatte ebenfalls keine Wahl bei der Berufswahl. Als Knirps verpflanzte ihn seine Familie direkt ins Epizentrum des Eishockeysports, nach Kaufbeuren, nur 50 Meter Luftlinie vom Stadion entfernt. „Abends habe ich die Torsirene gehört, die Spielerrufe und die Fangesänge, da war man ganz schnell infiziert. Ab 14 hab ich kein Spiel mehr verpasst. In Kaufbeuren gibt’s ja nichts anderes als Eishockey.” Doch zum Glück gibt es Eishockey auch in Düsseldorf. Hierhin verschlug es Genuttis 2007/2008, pünktlich zu den Play-offs, nach einem Jahr bei den Moskitos Essen.

Aquaplaning für Fortgeschrittene

Der umtriebige Allrounder hat das Kufenschleifen zu einer wahren Wissenschaft entwickelt. „Die Kufen sind ein Tick von mir”, kokettiert Genuttis und erklärt: „Man muss sich eine Kufe wie eine Dachpfanne vorstellen, mit einer Außen- und einer Innenkante. Darin bildet sich ein Wasserfilm, auf dem der Schlittschuh gleitet. Je flacher der sogenannte Hohlradius, desto schneller wird der Spieler, doch desto weniger wendig ist er in den Ecken. Hier muss man genau die Mitte finden.” Dabei hilft ihm ein breites Arsenal an Hightech-Schleifmaschinen. Aber bevor die Funken fliegen, sind zahlreiche handwerkliche Kunstgriffe nötig.

Messen, schleifen, profilieren

Wer wissen will, was die Metapher „Feinschliff“ in ihrem ureigentlichen Sinn bedeutet, sollte Gunnar Genuttis über die Schultern schauen: Zunächst vermisst er jede Kufe mit einem Magnetmessgerät. Dann erstellt er ein individuelles Kufenprofil. Das überträgt er mit einem diamantenen Gratstein auf die Schleifscheibe. Erst dann lässt er den Schlittschuh mit viel Fingerspitzengefühl über die Diamantrollen gleiten. Seine „Messer”, wie er die Kufen liebevoll nennt, werden exakt auf Körpergewicht, Laufeigenschaft und Position jedes Spielers zugeschnitten. Ein 100-kg-Verteidiger wie Henry Haase, der die halbe Spielzeit rückwärts läuft, braucht zum Beispiel einen ganz anderen Schliff als ein 70-kg-Leichtgewicht wie Alexander Preibisch, den man hier nur Speedy Gonzales nennt. Weil er als zweitschnellster Stürmer der Deutschen Eishockey Liga seine zwei Runden lief. „Aber nur, weil der Mitläufer aus Nürnberg den Schläger nach vorne gehalten und die Lichtschranke ausgetrickst hat”, weiß Genuttis. Sonst hätte Preibisch gewonnen! Was er nicht zuletzt dem Schliff seiner Kufen zu verdanken gehabt hätte. „Was ich hier mache, das machen vielleicht noch ein oder zwei Mannschaftsbetreuer in ganz Deutschland so“, resümiert Genuttis sein Metier.

Wer wissen will, was Feinschliff bedeutet, sollte dem Meister der Messer, Gunnar Genuttis, über die Schulter schauen.

Wer wissen will, was Feinschliff bedeutet, sollte dem Meister der Messer, Gunnar Genuttis, über die Schulter schauen.

Zitat Anfang

Was ich hier mache, das machen vielleicht noch ein oder zwei Mannschaftsbetreuer in ganz Deutschland so.
Gunnar Genuttis, Mannschaftsbetreuer bei der DEG

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Kühlen, heizen, musizieren

Zu den Aufgaben der beiden Mannschaftsbetreuer gehört aber noch weit mehr. Hinter den verschlossenen Türen des ISS Domes präsentieren sie ein wahres Kuriositätenkabinett technischer Finessen. Darunter:

  • eine patentierte Handschuhföhnanlage mit Heißluftumlenkblechen
  • ein Gefrierschrank zum Vorkühlen der Pucks
  • ein portabler Ofen fürs Thermo-Fitting, der neue Schlittschuhe mit 60 °C „aufbackt” damit sie sich dem Fuß des Spielers optimal anpassen und keine Blasen entstehen
  • eine Kugelzange zum Ausbeulen, falls der Schuh doch noch drückt
  • eine Nietmaschine zum Fixieren der Kufenhalter
  • zwei Hochleistungsgebläse zum Trocknen der Spieler und deren Montur in der Kabine
  • last but not least: eine fahrbare Soundanlage, die die Mannschaft in der Kabine mit AC/DC & Co. in Kampfstimmung powert

Schließlich können nicht vor jedem Spiel Livebands auftreten. Wie damals bei der Rot-Gelben-Nacht am 1. September 2013, als die Toten Hosen über 400.000 Euro in die klamme Clubkasse spielten, nachdem der Sponsorvertrag mit der Metro ausgelaufen war. „Ohne die Hosen gäb’s uns nicht mehr. Und meinen Job hier auch nicht”, erinnert sich Mike Lindner. „Dafür kann man den Jungs nur größten Respekt zollen.” Der Albumtitel „Alles aus Liebe” prangt heute noch in großen Lettern über dem Eingang der Mannschaftskabine.

Ein Patentsystem aus Haushaltsföhns und Heißluftumlenkblechen macht klamme Handschuhe im Handumdrehen wieder trocken.

Ein Patentsystem aus Haushaltsföhns und Heißluftumlenkblechen macht klamme Handschuhe im Handumdrehen wieder trocken.

Eine große Familie

Eine ähnliche Liebe wie die zwischen Spielern und Fans verbindet die Mannschaftsbetreuer untereinander. Der „Wettkampf“ findet nur auf dem Spielfeld statt. Hinter den Kulissen versteht man sich blendend. „Alle Mannschaftsbetreuer in Deutschland sind eine eingeschworene Gemeinschaft“, gesteht Genuttis. „Man hilft sich, wo man nur kann“, ergänzt Lindner. Dafür haben die Zeugwarte aller wichtigen Clubs eigens eine WhatsApp-Gruppe gegründet. „Wenn irgendwas ist, kommen wir. Wie vor ein paar Jahren, als der Sprinter der Straubing Tigers bei Aachen den Geist aufgab. Da sind wir mit unserem Sprinter hingefahren, haben alles umgeladen und hierher gebracht.“ Der Sprinter begleitet Lindner und Genuttis sowieso überallhin. „Wenn wir unterwegs zu einem Auswärtsspiel sind, haben wir immer eine komplette Ausrüstung inklusive mobiler Werkstatt dabei, von der Kaffee- über die Schleif- bis zur Nietmaschine”. Frühmorgens, lange bevor der erste Spieler eintrifft, wird der Sprinter beladen und oft erst spätnachts wieder ausgeladen. Freizeit? Fehlanzeige! „Ich habe mehr Zeit im Sprinter verbracht als mit meiner Exfrau“, sagt Lindner. „Aber für mich ist es der absolute Traumjob. Bei dem man allerdings nicht auf die Stundenzahl gucken darf.”

Und obwohl sie so viele Jahrzehnte fast täglich auf dem Eis verbracht haben, sind sich Mike Lindner und Gunnar Genuttis einig: „Man lernt jeden Tag was Neues – und nie aus.“ Die Familie wird es ihnen danken.

Übrigens...

Wenn Sie sich jetzt fragen, wie eigentlich das Eis gemacht wird, auf dem die DEG ihre Wettkämpfe austrägt, können wir Ihnen weiterhelfen. Wir haben „ Die Eiszauberer vom ISS Dome “ bei Ihrer Arbeit begleitet. Herausgekommen ist ein tolles Video mit vielen Einsichten über Spezialisten bei der Arbeit.

Sie gehen nicht so schnell in die Knie – die Mannschaftsbetreuer der DEG, Gunnar Genuttis (links) und Mike Lindner (rechts).

Sie gehen nicht so schnell in die Knie – die Mannschaftsbetreuer der DEG, Gunnar Genuttis (links) und Mike Lindner (rechts).