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Jacques Tilly: Düsseldorfs moderner Hofnarr

Auf Besuch beim Wagenbauer: ein Blick ins Atelier des bekannten Karnevalswagendesigners

Eine von Jacques Tillys Karnevalsfiguren in seiner Wagenwerkstatt.

Was wäre der Düsseldorfer Karneval ohne seine satirisch-scharfen Themenwagen? Und was wäre der Rosenmontagszug ohne Jacques Tilly? Viele seiner spektakulären 3D-Karikaturen lassen Zuschauern den Atem stocken. Eine nackte Bundeskanzlerin, ein unsittlich dargestellter Berlusconi – na, der traut sich was! Tatsächlich reagiert mitunter auch die karikierte Hochpolitik auf die mitunter krasse Kunst des Düsseldorfer Originals. Nicht jeder Staatschef nimmt die satirische Kritik mit Humor. Seine Zivilcourage bleibt nicht unbeachtet: So erhielt Jacques Tilly bereits den Jan-Wellem-Ring der Stadt Düsseldorf, eine Auszeichnung des Heinrich-Heine-Kreises und den Menschenrechtspreis von Amnesty International.

Jacques Tilly in seinem Atelier vor einer Karnevalsfigur in Rohfassung.
Bevor es richtig bunt wird, ist jede Menge Planung für die 3D-Karikaturen nötig.

Wie denkt, lebt und arbeitet der Mann, der seit 35 Jahren die meisten Wagen des Düsseldorfer Karnevals baut? Der Meister gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen seines fantastischen Reichs, seines Wagenbauateliers im Düsseldorfer Süden.

Jacques Tilly: ein Original aus Oberkassel

In Düsseldorf, aber auch weit über die Landeshauptstadt hinaus, ist der Mann im roten Overall bekannt wie ein bunter Hund. Der antiautoritär erzogene Kreative hat seine Wurzeln im bürgerlichen Oberbilk. Hier lebt er in einem Mehrgenerationenhaushalt – mit seiner Frau, Kommunikationsdesignerin und Filmemacherin Ricarda Hinz, seinen Söhnen, seinen Brüdern und seinem Vater – unter dem Dach des Elternhauses, das die Familie Tilly schon seit 1913 beherbergt. „Hier wohnen heute die Reichen und die Schönen – und wir“, sagt Jacques Tilly, der sich gerne auch mal als Oberkassels Enfant terrible versteht. Zum Karnevalswagenbau kam Tilly seinerzeit nur durch Zufall – ein Freund hatte ihn mitgenommen und er blieb bei der Sache.

Plastische Momentaufnahmen von Trump bis Greta

Seine Arbeit ist ein Traum für alle Menschen, die gern kreativ sind, sich im Alltag aber vorwiegend mit Abstraktem beschäftigen: Von Haus aus Kommunikationsdesigner, denkt sich Tilly keine Werbekampagnen, sondern Karikaturen aus, die man von allen Seiten versteht – und lässt sie mit seinem Team Gestalt annehmen: live, in Farbe, überlebensgroß. Am Ende seines Schaffensprozesses stehen die riesigen Plastiken, Dinge zum Anfassen. Sie sind gegen den Einfluss der Elemente geschützt, aber doch kurzlebig. Gleich zwei Termine bedrohen ihre Haltbarkeit: Ein politischer Themenwagen kann vom aktuellen Geschehen im wahrsten Sinne noch kurz vor Karneval überholt werden – und nach ihrem großen Tag verlieren die meisten Plastiken ihre Existenzberechtigung. In der nächsten Session gibt es neue Themen, neue Köpfe, neue Wagen.

Pinsel und anderes Werkzeug in Tillys Wagenbauatelier.
Streichen und kleistern – in den Umzugsfiguren steckt bei aller Kreativität jede Menge Handarbeit.

Einige Elemente lassen sich jedoch wiederverwenden: Eine überdimensionale Greta Thunberg schenkte Tilly ganz im Sinne der Nachhaltigkeit der Fridays-for-Future-Bewegung. So mag zwar Tillys Wagenbauarbeit mit dem Rosenmontag enden, nicht aber sein Engagement für das, was ihm wichtig ist. Er ist ein politischer Mensch, setzt sich für Chancengleichheit ein, ist Mitglied der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung und auch für Greenpeace aktiv. Für letztere hat er eine Plastik kreiert, die Trump als schreiendes Baby mit vollen Windeln zeigt. Sie schwamm beim Protest gegen den G-20-Gipfel in Hamburg auf einem Floß im Hafen vor der Elbphilharmonie.

Populismus als Themenreservoir

Der amerikanische Präsident ist eines der aktuellen Lieblingsmotive von Tilly. Seine bissige Satire nimmt jede politische Richtung aufs Korn. Die zunehmende Politisierung der Gesellschaft, aber auch der Aufstieg rechter Populisten in mehreren Ländern bot in jüngerer Vergangenheit besonders viel Angriffsfläche. „Blond ist das neue Braun“ heißt einer seiner Lieblingswagen, der einen blondierten Hitler neben Geert Wilders, Marine le Pen und Donald Trump zeigt.

Tilly sagt, er sei wohl schon als Workaholic zur Welt gekommen. Es gab in der Vergangenheit „Umzugswagen“, die an nur einem Tag entstehen mussten (und auch konnten!), weil das weltpolitische Geschehen keine Rücksicht auf den Rosenmontag und die Work-Life-Balance seines Teams nahm. Ein Abreißkalender im Atelier zeigt, wie viel Zeit bis zum großen Showdown bleibt, auf den hier alle zuarbeiten. Im Endspurt kommt das Team tatsächlich kaum nach Hause.

Jacques Tilly: Düsseldorfs Karnevalswagenbauer und mutiger Satiriker | Stadtwerke Düsseldorf

Die Karnevalswagen von Jacques Tilly sorgen jedes Jahr aufs Neue für große Aufmerksamkeit – und das nicht nur in Düsseldorf, sondern sogar weltweit. So mancher Politiker fürchtet Tillys gewagte Parodien. Wir haben den 1963 in Düsseldorf geborenen Bildhauer in seiner Bilker Wagenbauhalle besucht. Sehen Sie selbst!

Wie entstehen die Karnevalswagen?

Tillys Beitrag zum Gemeinschaftswerk sind die Ideen. Die Arbeit beginnt bei den größeren Wagen mit dem Bau eines Gerüsts aus Holz. Tillys Team formt die Figuren zunächst aus Maschendraht, bevor ihre Haut aus einem Gemisch von Wasser, Papier, Leim und Kreide warm aufgetragen wird. Dieser Arbeitsschritt erinnert an Kindertage, in denen dank Pappmaché aus bekleisterten Luftballons bunte Masken und Gestalten entstanden. Tillys Mitarbeiter tragen anschließend die Farbe auf. Viel Farbe. Erst großflächig, dann pointiert, mit der Sprühpistole und mit dem Pinsel. So entstehen neben den Karikaturen auch die Festwagen der Karnevalsgesellschaften und die Wagen der Unternehmen, die im Zug mit von der Partie sind.

Ein Kalender in Jacques Tillys Werkstatt zeigt, wie viele Tage es noch bis Rosenmontag sind.
Wenn der Countdown abgelaufen ist, fängt alles wieder von vorne an.

Geheime Großplastiken – mitten in Düsseldorf

Die politischen Mottowagen, die in den riesigen Hallen entstehen, hüten Tilly und Team wie einen Schatz. Oder wie ein Brautkleid: Nicht einmal sein Arbeitgeber bekommt sie vor Rosenmontag zu Gesicht. So genießt Großmeister Tilly beim Gestalten seiner mitunter radikalen Darstellungen politischer Verfehlungen, gesellschaftlicher Missstände und Religionskritik tatsächlich Narrenfreiheit. Das macht dem Satiriker besonders großen Spaß. Eines ist bei Jacques Tilly sicher: Was er macht, macht er aus Überzeugung.

Am Veilchendienstag werden die allermeisten karnevalistischen Großplastiken zerstört, das ist für das Team ein schaurig-schöner Anlass: Es ist einerseits natürlich traurig, die eigene Arbeit zerlegen zu müssen, und doch ist diese kollektive Demontage der krönende rituelle Abschluss einer heftigen Wagenbausaison. Aber nach dem Karneval ist immer vor dem Karneval … Und zwischendurch fertigen Tilly und sein Team auch andere Großplastiken – zum Beispiel farbenfrohe Riesenblumen, die bei unterschiedlichen Gelegenheiten den öffentlichen Raum in eine blühende Wiese verwandeln. Es bleibt also bunt bei Jacques Tilly.

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