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Es grünt so grün

Urban Gardening für engsten Raum: Tipps für vertikale Gärten.

So einfach kann ein vertikaler Garten umgesetzt werden.

Es gibt eine Zauberformel, um Städte auf engstem Raum ergrünen zu lassen. „Vertikale Gärten“ nennt sich das, der aktuelle Trend in der Urban-Gardening-Szene. Ihr Erfinder ist der Pariser Botaniker Patrick Blanc, der zum weltweit gefragten Experten für senkrechte Gartenkunstwerke avancierte. Auch für den heimischen Garten hat der Meister einige Tipps parat.

Patrick Blancs Idee ist so genial wie naheliegend: Wo urbaner Boden rar und teuer ist, lässt er die Pflanzen in üppiger Artenfülle die Wand hochgehen. Seine Ensembles aus vielgestaltigen Kleingehölzen, exotischen Blüten- und Blattwundern, Farnen, Gräsern und Moosen nennt der Biologe schlicht „Mur végétal“ (Pflanzenwand). Ob in Bangkok, Miami, Dubai oder Riad, wo Blanc auftaucht, wird es grün. Und das liegt nicht nur an den farbenfrohen Hemden oder der passenden Haarfarbe des Franzosen. Mehr als 250 vertikale Gärten hat Blanc bereits gestaltet und dabei mit so namhaften Architekten wie Herzog & de Meuron oder Jean Nouvel zusammengearbeitet.

Mit Letzterem begrünt er gerade „Le Nouvel“, zwei Luxushochhäuser in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, direkt gegenüber den berühmten Petronas Towers. Jede der acht Seiten der 180 und 200 Meter hohen Türme soll später komplett grün sein. Die ersten zarten Triebe der 200 Kletterpflanzen sprießen bereits.

Die Pflanzenwände des 63-Jährigen sind aber auch in Deutschland gefragt. So weht seit 2012 im Kulturkaufhaus Dussmann am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ein Hauch von Urwald durch die Hauptstadt. Der senkrechte Garten mit über 6.000 tropischen Pflanzen und 270 Quadratmetern Fläche ist der bisher größte vertikale Indoor-Garten des Pariser Botanikers. Diagonal ziehen sich hier die Pflanzen die Wand im Veranstaltungsraum entlang, umspielt von Wasserfällen und mit einem 16.200 Liter fassenden Aquarium als Basis. „Das gibt es so weltweit sonst nur noch bei mir zu Hause“, sagt der Pflanzenflüsterer. Insgesamt 157 Arten, darunter Philodendron, Clivie, Begonie und Rachenrebe kommen hier auf zwei Vlieslagen zum Einsatz. Sie ernähren sich von dem Stickstoffüberschuss, den die Fische produzieren.

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Als ich fünf, sechs Jahre alt war, faszinierten mich Pflanzen und Fische.

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Am Anfang schwamm der Fisch

Mit Fischen in einem Aquarium beginnt auch die Karriere Blancs als Schöpfer floraler Wandteppiche. „Als ich fünf, sechs Jahre alt war, faszinierten mich Pflanzen und Fische. Tropische Fische sind in der Regel klein, also kann man in einem kleinen Aquarium eine ganze große Welt erschaffen. Man braucht dazu noch Pflanzen und Licht“, erzählt der Franzose im Interview. In einem Artikel liest er, dass Pflanzen das Wasser von Nitraten reinigen können. „Das hat mich fasziniert. Ich habe ein paar Philodendren bei meiner Mutter im Wohnzimmer abgeschnitten und ins Wasser gesetzt. Und siehe da, die Pflanze ist von selbst gewachsen, wurde immer größer, ich hatte nichts damit zu tun, keine Arbeit, nichts. Und die Pflanze war schön anzuschauen.“ Je höher die Pflanzen werden, desto mehr muss Blanc sie an den Wänden befestigen. Der erste Mini-Vertical-Garden steht.

Mit 19 reist Blanc nach Thailand und Malaysia, um seine Lieblinge, die Wasserkelche, in natura kennenzulernen. Er sieht, wie die Pflanzen unbeirrt an Baumstämmen oder auf Felsen emporklettern und ganz ohne Erde blühen und gedeihen. Während seines Studiums an der Université Pierre et Marie Curie experimentiert er mit Materialien wie Steinwolle, Torf, Kokosfasern oder Putzlappen als „Erde“. Bis er auf einen Filz aus Polyamid stößt, hergestellt aus alten Kleidern. Hier können sich nicht nur die Pflanzen optimal verwurzeln, ohne dass der Stoff verrottet, der Filz ist auch Nährboden für Mikroorganismen, die Moleküle aus der Luft in Dünger für die Pflanzen verwandeln. Damit die Wurzeln im Vlies Halt finden, tackert Blanc kleine Taschen hinein. Das „Rezept“ für den vertikalen Garten lässt er sich 1988 patentieren.

Vertical Gardening selbst gemacht

Ein Metallrahmen, eine Lage PVC und Vlies, mehr braucht es laut Blanc nicht für eine „Mur végétal“. Das kann selbst in den heimischen vier Wänden oder im Büro funktionieren, ob als Gemüsegärtchen in der Küche, als Farn im Badezimmer oder als Lärmschutz, vorausgesetzt man befolgt ein paar wichtige Regeln.

Zwischen Wand und Pflanze sollte stets genügend Luft sein, damit kein Schimmel entsteht.

Diverse Anbieter verkaufen mittlerweile Stecksysteme oder bunte Hängetaschen, die sich an die Wand montieren lassen. Mit einer Blumenampel hat das wahrlich nichts mehr zu tun. Doch Vorsicht: Nicht immer ist bei diesen Angeboten die Bewässerung automatisch mit geregelt und es ist nicht unbedingt gewährleistet, dass die hinter dem Steckkasten liegende Tapete trocken bleibt. Der Tipp des Maestro: Zwischen Wand und Pflanze sollte stets genügend Luft sein, damit kein Schimmel entsteht.

Auch über die Bewässerung sollten sich Dschungel-König und -Königin vorab Gedanken machen. Hat man zum Beispiel mehrere Kästen übereinander gehängt und Löcher hineingebohrt, lassen sich die Systeme über eine rostfreie Kette miteinander verbinden. An ihr kann das Wasser dann entlangfließen. Gegossen wird nur der oberste Kasten, befüllt mit den durstigsten Blumen oder Kräutern. Nach unten kommen die Genügsameren. Wer es besonders ökologisch haben will, fängt Regenwasser auf und nutzt es als Blumengetränk. Der Vorteil der grünen Wände: Die vertikalen Paradiese verschönern nicht nur hässliche Räume oder Häuser, sondern sorgen vor allem für bessere Luft. Und senken dabei noch den Energieverbrauch. Im Sommer ist es schön kühl, im Winter schützen die Pflanzen das Gebäude vor Kälte. Eine klassische Win-win-Situation.

Vögel gegen Ungeziefer

Blanc hat sein 60 Quadratmeter großes Arbeitszimmer in Paris in eine grüne Oase mit begehbarem Aquarium unter dem Boden verwandelt. Das dient gleichzeitig der Bewässerung. Per Zeitschaltuhr wird regelmäßig Wasser durch die Schläuche im Filz gepumpt. Hier wuchern Farne, Gräser, Irispflanzen und exotische Gewächse, die beispielsweise aus Taiwan stammen. Und die „Begonia blancii“, eine Begonienart, die Blanc auf den Philippinen entdeckt hat und die daher seinen Namen trägt. Auch Vögel und Geckos sind hier heimisch. Ja, Vögel. Sie hält Blanc als Dauergäste, um Ungeziefer auf natürliche Art und Weise zu vermeiden. So sind seine Pflanzen zum Teil schon über 30 Jahre alt geworden. Nun kann nicht jeder Vögel im Wohnzimmer herumfliegen lassen. Die chemische Keule widerspricht aber irgendwie dem grünen Gedanken. In diesem Fall helfen bestimmte Pflanzen, zum Beispiel gegen Blattläuse. Lavendel oder Bohnenkraut etwa. Oft reicht es schon, die ungebetenen Gäste mit etwas Wasser, Brennnesselsud oder Schmierseife wegzuspülen. Wer nicht das Fenster oder einen Balkon zur Installation seines Gärtchens nutzen kann, sollte für ausreichend künstliches Licht sorgen. In seinem privaten vertikalen Garten hilft Blanc mit LED-Pflanzenlampen nach.

Gerade für Außenwände gilt: am besten heimische, wind- und wetterfeste Pflanzen wählen. Für Deutschland empfiehlt Blanc Zwergkoniferen, Gräser, Moos, aber auch Staudengewächse. Doch das Schönste an den vertikalen Kunstwerken ist ihre Unberechenbarkeit. Sie stecken voller Überraschungen. In der freien Natur siedelt sich hier und da gerne mal ein ungeplantes „Unkraut“ zwischen den sorgsam ausgewählten Pflanzen an. Für Blanc kein Grund zur Besorgnis, im Gegenteil. „Wenn man die Natur weltweit schützen will, ist es wichtig, den Menschen solche Naturwelten zu schenken“, sagt der Mann mit dem extra grünen Daumen.

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