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Klassenzimmer Freizeitpark

Wo China in Schrittweite von Afrika liegt

Das Phantasialand wird zum fliegenden Klassenzimmer mit Unterrichtsstoff zum Anfassen. (Quelle: Phantasialand)

Gut 60 Kilometer von Düsseldorf entfernt liegt China. Und auch Afrika. Und Mexiko. Das geht nicht? Doch, und wie. Möglich macht es das Phantasialand in Brühl. Vor fast 50 Jahren eröffnet, ist der Vergnügungspark heute eine etablierte Größe für alle, die Spaß und Unterhaltung suchen. Dass man da auch jede Menge lernen kann, wissen die wenigsten.

Physik am eigenen Leib erfahren

Gegen Ende der Schulferien, aber auch an Brücken- oder Feiertagen geben im Park die Familien den Ton an, unter der Woche dagegen die Schulklassen. Wer nun aber meint, das wäre nur einfach ein Vergnügungsausflug, der sieht sich getäuscht. Tatsächlich wird das Phantasialand zum (fliegenden) Klassenzimmer mit Unterrichtsstoff zum Anfassen an jeder Ecke. Erdkunde lässt sich beispielsweise prima in den Parkteilen Afrika, Mexiko und China vertiefen, die lebensecht dem Vorbild nachgebaut wurden. Im Themenbereich Berlin lernen Schüler den Baustil des frühen 20. Jahrhunderts kennen.

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Spannende Fragen aus dem Physik- oder Biologieunterricht klären sich anschaulich bei einer Achterbahnfahrt.

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Spannende Fragen aus dem Physik- oder Biologieunterricht klären sich anschaulich bei einer Achterbahnfahrt. Denn wo lassen sich Beschleunigung und g-Kräfte besser am eigenen Leib erfahren?

Lehrkräfte unterstützt das Phantasialand mit einer Erlebnis-Rallye. Aufgeteilt in kleine Gruppen sollen die Kids in 60 bis 90 Minuten eine Reihe von Aufgaben lösen, um Punkte zu sammeln. Drei Schwierigkeitsstufen sind je nach Altersklasse im Angebot. Jedes Jahr wird die Rallye aktualisiert, um neue Attraktionen mit einzubinden. Das Team aus Pädagogen und Phantasialand-Experten berücksichtigt bei der Konzeption zudem den aktuellen Lehrplan der Grundschulen und weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen. So lassen sich einige Fragen nur mit den Hinweisen im Park lösen, für andere müssen die Schüler der Klassen drei bis zehn ihr Wissen aus dem Unterricht bemühen.

Zum Beispiel für Problemstellungen wie diese: An welcher Stelle ist die Bewegungsenergie von „Chiapas“ am größten? Welche Fliehkräfte entstehen in einem Achterbahnlooping und warum müssen die Trägerstützen hier an manchen Stellen besonders massiv sein? Oder was sind positive und negative Gravitationskräfte und woher kommt eigentlich das Kribbeln im Bauch, wenn es auf der Achterbahn abwärtsgeht? Auch die stündliche Kapazität der Fahrgeschäfte sollen die Schüler berechnen und die Tiere aus dem afrikanischen Themenbereich benennen.

In den USA – DEM Land der Vergnügungsparks – sei es schon seit den 1980er-Jahren üblich, deren Faszination für den Unterricht der Physik oder der Mathematik zu nutzen, berichtet Verena Heintz. Sie hat sich in ihrer Staatsexamensarbeit mit dem Thema auseinandergesetzt und ihr eigenes Physikunterrichtskonzept im Phantasialand erprobt. Heintz’ Fazit: Die Verbindung von Arbeit und Vergnügen, Physik und Freizeitpark eignet sich hervorragend für projektorientiertes, selbstständiges Arbeiten. Zudem werde die Medienkompetenz der Schüler gefördert und trockener Unterrichtsstoff praktisch angewendet.

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Freizeitparks sind ein sehr interessanter Ort für unsere Projekte, da sich hier in einem spannenden Umfeld viele Ansätze für anspruchsvolle Praxisaufgaben finden lassen.

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„Freizeitparks sind ein sehr interessanter Ort für unsere Projekte, da sich hier in einem spannenden Umfeld viele Ansätze für anspruchsvolle Praxisaufgaben finden lassen“, sagt auch Martin Schmidt vom Wirtschaftswissenschaftlichen und Naturwissenschaftlichen Gymnasium der Stadt Bayreuth. Mit seinen Physikseminaren der Klasse 11 war Schmidt bereits mehrere Male im Phantasialand, um hier Messungen vorzunehmen, die später in einer Seminararbeit ausgewertet wurden. Eine weitere Gruppe drehte sogar einen Film – mit physikalischem Bezug versteht sich.

Mehr China geht nicht

Doch nicht nur physikalische oder mathematische Berechnungen lohnen einen Besuch mit der Schule. Auch für den Erdkundeunterricht sind die künstlichen Welten gut geeignet, wurden doch die verschiedenen Bereiche mit einer akribischen Liebe zum Detail den Originalen nachempfunden. In China Town stammt sogar das Baumaterial für die Gebäude aus dem Reich der Mitte. „Wir haben extra chinesische Künstler einfliegen lassen, um die Figuren an den Dachziegeln und die Skulpturen zu gestalten“, sagt Andreas Heupel. Bis heute halten die Vergnügungsexperten den Eintrag im Guinness Buch der Rekorde für die größte Ansammlung chinesischer Bauten außerhalb Chinas.

Überhaupt strotzt der Park vor Superlativen, wenn es darum geht, seinen Besuchern die perfekte Illusion zu bieten. So ist das 2003 eröffnete Hotel Ling Bao im Stil der nördlichen Qing-Dynastie des 17. und 18. Jahrhunderts nach der Feng-Shui-Lehre eingerichtet und gilt als das größte asiatische Gebäude außerhalb Chinas. Von innen präsentiert es sich im Stil der östlichen Jangtse-Region. Wie schon bei China Town importierte der Park auch beim Bau des Hotels 1,3 Millionen Einzelteile aus Taiwan. Über 1.000 chinesische Holzschnitzer, Ziegelbauer, Kunsthandwerker und Steinmetze und weitere 200 Handwerker halfen vor Ort bei der Errichtung.

Kinder sind nicht nur die Hauptzielgruppe des Parks, manchmal ist das Phantasialand selbst eines. Sagt doch das Sprichwort, es brauche ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. In Brühl brauchte es ein Dorf in Zentralafrika, um ein Hotel zu erschaffen. Parallel zum Bau des Hotels Matamba wurde nämlich ein ganzes Künstlerdorf in Kamerun, 30 km von der Hauptstadt Yaoundé entfernt, aus dem Boden gestampft. Die einheimischen Künstler halfen bei der Gestaltung der Dekorationselemente. Dabei hatten sie keinerlei Vorgaben, sie erschufen, was ihnen in den Sinn kam und ihrer Tradition entsprach. Bakongo-Figuren etwa, vergleichbar mit Schutzheiligen, oder eine Tischplatte aus einem Baumstamm, Masken und Körbe. So weht stets ein Hauch von Afrika durch Brühl.

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