HeimatLiebe

Entschleunigung per Zeitreise

Auf den Spuren der Yellowstone-Indianer in Düsseldorf

Es gibt sie noch. Die Menschen, die im Einklang mit der Natur leben. Die nur jagen, was sie selbst verbrauchen. Die Tiere und Pflanzen ihrer Heimat kennen und ihr Wissen gerne mit anderen teilen. Für ein nachhaltiges Leben, in dem auch zukünftige Generationen noch wissen, dass Essen nicht im Supermarkt wächst. Willkommen bei den Yellowstone-Indianern in Düsseldorf-Flingern.

Die Sonne geht auf über den hölzernen Palisaden des Westernforts. Auf dem geöffneten Tor steht in großen Lettern Yellowstone Indianer. Frei laufende Hühner huschen ohne Scheu über die grüne Wiese, an deren Rand ein Westerndorf steht. Das Rattern eines Güterzuges durchbricht die Idylle nur kurz, trägt aber zur Atmosphäre einer längst vergangenen Zeit bei. Einer Zeit, in der es noch unentdecktes Land gab, Pioniergeist herrschte und die Menschen von dem lebten, mit dem die Natur sie versorgte. Ein Smartphone klingelt und zerstört das Bild. Es gehört Heinrich Oehm, Vorsitzender des Yellowstone Indianer e. V., der auf diesem Gelände die Idee des in Naturverbundenheit lebenden Menschen am Leben erhält.

Hinter der Fassade des Westerndorfs verbergen sich die Volieren der Greifvögel.

Hinter der Fassade des Westerndorfs verbergen sich die Volieren der Greifvögel.

Der gelernte Koch und Metzger ist „ein eigener Mensch“. Er lebt nach seinen eigenen Regeln, inspiriert von den Naturvölkern Nordamerikas. Und auch, wenn er selbst es noch nicht in die USA geschafft hat, begleiten ihn die indianischen Ideale: „Die Indianer sind mit der Natur so umgegangen, dass sie nur rausgenommen haben, was sie brauchten. So sollten wir das auch machen.“ Unter den Mitgliedern des Yellowstone Indianer e. V. sind nicht nur ausgebildete Naturpädagogen, sondern auch Jäger mit eigenem Jagdrevier. Dort wird gejagt und im Indianerdorf in Flingern wird die Beute dann zubereitet, geräuchert und weiterverarbeitet. So wie es auch bei den Indianern üblich war. Die aktiven Mitglieder legen nicht nur eine Naturverbundenheit der besonderen Art an den Tag. Sie machen deutlich mehr: Sie unterstützen auf dem Gelände ehrenamtlich Kinder und Demenzkranke.

Wie frisch aus dem Wilden Westen: Was es in dieser Sammlung nicht gibt, gab es auch nicht.

Wie frisch aus dem Wilden Westen: Was es in dieser Sammlung nicht gibt, gab es auch nicht.

Indianer für einen Tag

„Den Kindern die Natur beizubringen“, das ist das Ziel der selbst ernannten Indianer aus Flingern. Ihnen zu zeigen, dass man von einem Tier alles verwerten kann. Dass Chicken Nuggets auch mal Tiere waren. Welche Bäume es gibt und wie sie gepflanzt werden. Auf einfachen Dingen musizieren. Die Kinder, die hierherkommen – und das können in den Ferien schon mal 100 am Tag sein – sind begeistert. Denn hier lernt man direkt in und an der Natur. Die Hühner laufen frei auf dem Gelände herum und können angeguckt werden. Für viele Kinder eine Premiere – kennen sie die Eier doch nur im Karton aus dem Supermarkt. Es wird gemeinsam in einer alten Küche gekocht oder am Lagerfeuer Stockbrot gemacht. Und den Kindern wird der Raum für eigene Ideen gegeben.

Zitat Anfang

"Es ist phänomenal, was Kinder zusammen schaffen, wenn man sie machen lässt.“
Heinrich Oehm

Zitat Ende

Für Oehm und den Verein ist es wichtig, dass auch körperlich Beeinträchtigten der Zugang ermöglicht wird. Dafür haben sie extra einen Weg für Rollstuhlfahrer angelegt, an dem unterschiedliche heimische Bäume gepflanzt wurden. „Damit sie die auch mal sehen und anfassen und riechen können. So etwas gibt es ja sonst nicht.“ Ein Erlebnis war für Oehm besonders ergreifend. Die Begegnung mit einem Jungen, der die Alterskrankheit hatte. Selbst nicht älter als acht Jahre, war er körperlich entwickelt wie ein 70-Jähriger. Während die anderen mit Didgeridoo, kleinen Trommeln und Rasseln spielten, wollte dieser Junge unbedingt die Stammestrommel spielen. Die darf allerdings normalerweise nicht mit Händen angefasst werden, sondern nur mit Stäben, da sie sonst kaputtgeht. „Aber der Junge hatte schon keine Finger mehr“, erzählt Oehm. „Daher haben wir abgesprochen, dass wir eine Ausnahme machen. Und der Junge hatte ein solches Taktgefühl, das war unglaublich, wir konnten richtig tolle Musik machen. Der Junge war total happy. Und als die Gruppe das Gelände verlassen hatte, mussten wir selbst erst einmal in uns gehen. Und haben festgestellt, wie gut es uns wirklich geht.“

Kochend in die Vergangenheit

Nicht nur Kinder haben einen festen Platz hier. Insbesondere das Kochen für Demenzkranke wird gern angenommen.

Zitat Anfang

„Demenzkranke leben ja in der Vergangenheit, und wenn man dann die Gegenstände hier sieht, da kommen Erinnerungen hoch.“
Heinrich Oehm

Zitat Ende

Mit den Demenzkranken wird gekocht und musiziert, manchmal auch getanzt. Und gemeinsam mit den Betreuern versuchen die Ehrenamtlichen unter den Indianern, die Erinnerungen wachzurufen. Denn durch die Umgebung, die Gegenstände und auch das mit anpacken, werden die Betroffenen inspiriert.

Willkommen bei „Omma inner Küche“. Hier kann man nicht nur kochen wie vor hundert Jahren, sondern sich im wahrsten Sinne in die Vergangenheit setzen.

Willkommen bei „Omma inner Küche“. Hier kann man nicht nur kochen wie vor hundert Jahren, sondern sich im wahrsten Sinne in die Vergangenheit setzen.

Und können sich erinnern. Dass es Gegenstände wie eine Brotschneidemaschine aus dem 19. Jahrhundert, uralte Schreibmaschinen, Pfannen, Uhren und Waschmaschinen im Indianerdorf gibt, zeigt den Erfolg der Yellowstone-Indianer. Denn der Großteil der Sachen sind Spenden. Aus Haushaltsauflösungen, von regelmäßigen Besuchern, von Freunden des Ehrenamts. „Das alles könnten wir uns so gar nicht leisten“, sagt Heinrich Oehm, während er stolz sein Lieblingsstück, einen alten, mit Schnitzereien versehenen Stuhl präsentiert.

Auch ein Indianer muss mal stilecht auf den Donnerbalken.

Auch ein Indianer muss mal stilecht auf den Donnerbalken.

Einmal Chicken Nuggets, bitte

In der Westernstadt wohnen nicht nur Hühner und ein Hund. Auch Greifvögel sind hier hinter den Fassaden von Post und Bank zu Hause. Vögel, die unseren Schutz brauchen, und die Kinder hier hautnah erleben können. Uhu, Steinadler und Sakerfalke, aber auch zwei Wüstenbussarde gehören zum Bestand. Die Tiere werden regelmäßig mit zur Jagd genommen. Aber wenn sie so gefüttert werden, bekommen sie meist tote Küken. Wenn ein Kind dann bei der Fütterung „Iiiiih“ sagt, gibt es eine einfache Antwort:

Zitat Anfang

Für meine Greifvögel sind Küken Chicken Nuggets.
Heinrich Oehm

Zitat Ende

Es gibt genügend Volieren für Greifvögel, um auch als Vogelauffangstation für die Gegend zu fungieren. Denn viel zu häufig werden Greifvögel im städtischen Umfeld verletzt und haben nur durch fachliches Geschick eine Überlebenschance. Heinrich Oehm ist Falkner mit Begeisterung. Weiß aber auch, wie viel Verantwortung hinter der Leidenschaft steckt. „Ein Greifvogel wird 60 Jahre. Der geht auch mal mit in die Erbmasse.“ Daher ist es ihm wichtig, dass seine Tochter die Freude an dem Umgang mit diesen Tieren teilt. Auch wenn er Anfragen für die Falknerausbildung erhält, vergewissert er sich zunächst, dass die Begeisterung kein kurzes Strohfeuer ist.

Einige Accessoires sorgen für die richtige Stimmung. Hier ein bisschen Kriegspfad-Flair mit Pfeil und Feder.

Einige Accessoires sorgen für die richtige Stimmung. Hier ein bisschen Kriegspfad-Flair mit Pfeil und Feder.

Zwischen Greifvögeln, unzähligem Kram aus der Vergangenheit, Tipi und Kochstelle, Musikinstrumenten und selbst gefertigten Indianertrachten haben Kinder und Demenzkranke hier unzählige Möglichkeiten: zum Staunen, zum Erleben und zum Lernen. An einem Ort, an dem man sich – wie aus der Zeit gefallen – ein paar Stunden wie im Wilden Westen fühlen und richtig abschalten kann.

Übrigens …

Nicht nur die Indianer von Flingern sind in Düsseldorf ehrenamtlich aktiv. Auch die Leihomas helfen Kindern, wo sie nur können. Lernen Sie Renate Grünke und ihre Familie in unserem Beitrag kennen.