GaumenFreude

Die gesunde Mittagsalternative

Wie ein Düsseldorfer Start-up Essen ins Unternehmen bringt

Hier kommt das Essen zu den Mitarbeitern – ganz ohne Kantine.

Wer kennt das nicht? Statt sich eine Mittagspause zu gönnen, wird einfach durchgearbeitet und zwischendurch ein Schokoladenriegel aus dem Snackautomaten inhaliert. Im schlimmsten Fall wird gar nicht gegessen. Was weder gesund noch produktiv ist. Ein Düsseldorfer Start-up will diesem Missstand Abhilfe schaffen. Livello heißt es und installiert Kühlschränke mit gesundem Inhalt in Unternehmen. Die Kühlschränke der anderen Art werden mehrfach in der Woche unter anderem mit Salaten, Wraps und Sushi frisch befüllt. Die Mitarbeiter haben so auch im größten Trubel Zugriff auf genussvolles und vor allem gesundes Essen.

Für Alexander Eissing ist Essen eine Leidenschaft. Und nicht irgendein Essen. Sondern besonders gesundes, genussvolles Essen hat es ihm angetan. Denn damit hatte er auch schon im Catering-Betrieb der Familie zu tun. Der vielseitig interessierte Unternehmer hat nicht nur dort Erfahrung gesammelt, sondern auch als Kreativdirektor in amerikanischen Agenturen gearbeitet sowie als Business Angel Start-ups unterstützt und beraten. Dabei beschäftigte ihn unter anderem die Frage, warum zwar alle gerne Essen gehen, es aber dennoch oft so schwierig ist, in der Mittagspause gesund und lecker zu essen. Daher gründete er nach seiner Rückkehr aus den USA in Düsseldorf selbst ein Start-up. Und zwar eins, das gesundes Essen wieder in deutsche Unternehmen bringt.

Essgewohnheiten verändern

„Als ich zurück in Deutschland war, habe ich mich gefragt, wie man Essgewohnheiten verbessern kann“, erzählt er. Denn das Thema Food wäre zwar mittlerweile überall wichtig, aber so richtig gelebt würde es noch nicht. Insbesondere bei Menschen mit langen Arbeitszeiten, die dann auch aufs Kochen verzichten. Da er selbst lange in Agenturen gearbeitet hat, weiß er aus eigener Erfahrung, wie sehr die Menschen dort unter Zeitdruck stehen und ein gesundes Mittagessen häufig sogar ganz ausfallen lassen. Aber nicht nur da. Auch in anderen Unternehmen wird viel gearbeitet und wenig gesund gegessen. Daraus wurde die Idee zu Livello geboren, einem Start-up, das seit August 2016 in Unternehmen Kühlschränke mit gesundem Essen aufstellt. Bezahlt wird per Kreditkarte oder App. „Wir wollten Food und Tec verbinden und den Unternehmen eine Lösung für ihre Mitarbeiter anbieten.“ Denn auch für die Unternehmen ist es natürlich ein Pluspunkt, wenn sie ihren Angestellten einen solchen Service anbieten können, vor allem wenn es keine firmeneigene Kantine gibt. „Es kann außerdem ein sozialer Kontaktpunkt wie der Kaffeeautomat sein“, ergänzt Alexander Eissing. Seit über einem Jahr arbeiten er und sein Team an der Realisierung der Idee. Die Herausforderung liegt allerdings nicht nur in der Technik. Sondern auch darin, Essgewohnheiten zu verändern. Das gesunde Essen also „sexy“ anzubieten.

Sexy Kühlschrank mit inneren Werten

Schon das Aussehen des Kühlschranks sollte also zeigen, dass die enthaltenen Mahlzeiten eine gesunde Alternative bedeuten. Als ehemaliger Kreativdirektor hatte Alexander Eissing direkt ein Bild im Kopf: Eine Kühlschrankausstattung mit Holz und echten Pflanzen, um ein Gefühl von Frische zu vermitteln. Das mit der Holzverkleidung ließ sich nach ersten Fehlversuchen elegant umsetzen. Allerdings war die Bepflanzung mit Küchenkräutern in der Praxis zu pflegeintensiv. Zum einen gab es zu wenig Sonnenlicht, zum anderen müsste eine regelmäßige Bewässerung eingeführt werden. Stattdessen hat sich das Team jetzt für Moos entschieden, das anspruchsloser in der Pflege ist und dennoch natürlich und authentisch wirkt. Es umrahmt das Logo im oberen Kühlschrankbereich. Der Name Livello selbst ist übrigens ein Wortspiel aus „Live well“ („Lebe gut“) und „Hello“. Dass es auch das italienische Wort für Ebene ist, hat Alexander Eissing erst später erfahren. „Aber das passt ja auch irgendwie. Unser Kühlschrank hat ja Ebenen“, lacht er.

Das Design war im Vergleich zur Entwicklung des Kühlschranks selbst ein Kinderspiel. Was sich erst einmal einfach anhört – ein Kühlschrank mit Essen – ist technisch natürlich viel mehr und somit auch nicht von der Stange irgendwoher zu kaufen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen muss garantiert sein, dass das Essen immer frisch bleibt. Eine genaue Kontrolle der idealen Temperatur für verschiedene Lebensmittel ist also zwingend notwendig. Der Kühlschrank darf nur dann aufgehen, wenn jemand bezahlt hat. Auch das hört sich einfacher an, als es wirklich umzusetzen ist. Denn hinter dem Bezahlvorgang versteckt sich ein komplizierter Prozess. Der Kühlschrank muss das O.K. bekommen, die Tür zu öffnen. Er muss wissen, was entnommen wird und dies dann nicht nur auf der Kreditkarte oder in der App, sondern auch im angeschlossenen Warenwirtschaftssystem verbuchen. Zum Schluss muss der Kühlschrank die Tür wieder verschließen. Es versteht sich von selbst, dass diese Aufgabe nur von einem richtig „smarten“ Kühlschrank zuverlässig erledigt werden kann. Von der Idee bis zum ersten Prototypen dauerte es zehn Monate. Und natürlich hatte er trotzdem noch die üblichen Kinderkrankheiten. „Gerade am Anfang ist es schwierig, ein solches Produkt bei den Kunden einzuführen. In erster Linie muss man sich das Vertrauen der Kunden verdienen. Fehler helfen da nicht.“

Der fertige Kühlschrank ist ein umgebautes Stück Hightech. Waagen messen das Gewicht der einzelnen Produkte und geben so weiter, was entnommen wurde. Daher dürfen die angebotenen Gerichte in unterschiedlichen Preissegmenten auch nicht das Gleiche wiegen. Damit alles reibungslos läuft, wird jedes Produkt im Vorfeld registriert. Zur Qualitätssicherung der Waren sind drei Temperaturfühler verbaut. Diese registrieren sofort, wenn der Kühlschrank nicht die richtige Temperatur hat. Dazu kommen zwei SIM-Karten, die direkt an das Livello-Warenwirtschaftssystem angeschlossen sind. So wissen die Jungs hinter Livello direkt, welche Gerichte gut ankommen und wann ein Kühlschrank aufgefüllt werden muss. Unerwartet kam für das Start-up, wie bargeldaffin die Mitarbeiter sind und dass es dauerte, bis man dem Kreditkartensystem vertraute. „Nirgendwo erlebe ich das so wie in Deutschland, dass man am Bargeld hängt. Deshalb werden wir bald auch eine Kundenkarte einführen, die noch nutzerfreundlicher ist“, sagt Alexander Eissing, dessen Ziel es ist, Livello so „convenient“ wie möglich zu machen.

Der Blick in eine grüne Zukunft

Der Kühlschrank bietet im Moment elf Fächer mit Salaten, Wraps, Müslis und anderen Gerichten. Hier wird nicht nur der Fokus auf Gesundheit gelegt, sondern auch, dass 60 Prozent der Gerichte vegetarisch sein sollen. Der Traum ist, in Zukunft die angebotenen Speisen auch selbst herzustellen. Mit einem Ernährungsberater in der eigenen Küche und möglichst vielen Bioprodukten. Auch die Kühlschränke sollen weiter aufgerüstet werden. Beispielsweise durch RFID-Chips, die die Waren erkennen und somit die Waagen ablösen können. Damit würde der Kühlschrank nicht nur zuverlässiger, das Speiseangebot ließe sich auch ohne großen Aufwand kurzfristig erweitern. Alexander Eissing sieht für die Zukunft noch einige Baustellen. Letztlich geht es hier nicht nur um ein Gerät, sondern um die generelle Einstellung zum Thema Essen. „Toll wäre es, wenn die Unternehmen ihren Mitarbeitern einen Essenszuschuss anbieten würden und sie somit bei der Wahl von gesundem Essen aktiv unterstützen.“ Schon jetzt wissen die Mitarbeiter der drei Unternehmen, an denen das Start-up seine Kühlschränke im Testlauf betreibt, das Livello-Angebot sehr zu schätzen. „Letzte Woche hatte ich so viel zu tun, dass ich keine Zeit hatte, zum Essen rauszugehen. Da haben mich Salate und Wraps vor dem Verhungern bewahrt“, freut sich ein regelmäßiger Nutzer des Angebots. Andere Kunden sind ähnlich begeistert über die neue Art des Essens im Unternehmen. Erste, gute Hinweise, dass die Düsseldorfer den richtigen Riecher gehabt haben. Und wer weiß, in ein paar Jahren könnten die Livello-Kühlschränke in großen Unternehmen eine Selbstverständlichkeit sein. So, wie heute bereits die Kaffee- und Snackautomaten.

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