InnovationsKraft

Arbeitsmodelle der Zukunft

Agile Unternehmensorganisation, Crowdworking und Coworking

Moderne Arbeitsorganisation in Form moderner Architektur: Gläserne Büros mit echten Pflanzen.

Wie möchten Sie lieber arbeiten: im Takt der Uhr, streng nach Vorschrift, unter einem nervigen Chef? Oder frei, kreativ und eigenverantwortlich? Im engen Büro mit Rollcontainern und Aktenwänden? Oder in einem lichtdurchfluteten Raum mit Pflanzen und Kunstwerken an den Wänden? Oder vielleicht ganz ohne Wände, am Strand von Thailand? Im Zeitalter der digitalen Nomaden ist alles möglich. Wir haben die Zukunft der Arbeit unter die Lupe genommen und stellen Ihnen drei Arbeitsmodelle vor.

Agile Unternehmensorganisation – der Software-Entwickler InVision

Silicon-Valley-Feeling im Düsseldorfer Medienhafen – so wird das Flair in der Software-Firma InVision gerne umschrieben. Es entfaltet seinen Zauber, sobald man den Empfang im Maki Solitaire auf der Speditionstraße 5 betritt. Und feststellt: Es gibt gar keinen Empfang! Stattdessen "umfängt" den Besucher eine atemberaubende Erlebnislandschaft: ein „Digital Garden“ mit grünen Sitzflächen, weichen Kissen, offenen Räumen und hohen Decken. Wahlweise mit echten Moosteppichen bepflanzt oder mit LED-Panels bestückt, dazwischen Werke Düsseldorfer Künstler. Weitere Highlights sind: eine Dusche zum Frischmachen für anradelnde und anjoggende Mitarbeiter, eine Gastroküche mit Gratis-Haute-Cuisine für alle, eine Bar mit edlen Tropfen für Abendveranstaltungen, ein Gewächshaus als Meetingraum oder Chill-out-Zone, ein Auditorium für "Mob Code Reviews", eine Bibliothek mit Lesesesseln, Schlafkojen und ein fantastischer Ausblick über den Medienhafen.

Großer, heller Raum für agiles Arbeiten mit Empore.
Bei Eintritt: Wow! Statt eines klassischen Empfangs betreten Mitarbeiter und Besucher zuerst den Digital Garden. Die offene Architektur mit lichtdurchfluteten Galerien, echten Pflanzen und individuell bespielbaren LED-Wänden unterstreicht den organischen Charakter der agilen Unternehmensorganisation. © Marc Thürbach

Wow-Effekt mit Wow-Funktionalität

„Beim Eintreten sollen unsere Gäste den maximalen Wow-Effekt erleben", erläutert Peter Bollenbeck, Gründer von InVision, das ungewöhnliche Architekturkonzept. „Den Wow-Effekt verbinden wir allerdings mit maximaler Funktionalität. Hier ist nichts Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, um den größten Mehrwert für unsere Kunden und das beste Arbeitsklima für unsere Mitarbeiter zu schaffen." Kunden sind in erster Linie große Callcenter, für die InVision innovative Workforce-Management-Lösungen entwickelt. Darüber hinaus setzt InVision Cloud- und E-Learnings für Callcenter auf und veranstaltet eine Reihe an Events, Meetups und Hackathons, das sind Software-Entwicklungsmarathons.

In einem Sofa-Rondel sitzen junge Menschen in agiler Büroorganisation.
Am digitalen Lagerfeuer: In der Software-Schmiede InVision genießen fluide Arbeitsteams maximale Denk- und Bewegungsfreiheit – wie hier im „Circle“ bei moderner Lagerfeueratmosphäre. © Marc Thürbach

Freiraum für Freidenker

Auch der Weg ins Maki Solitaire war ein Entwicklungsmarathon. Der architektonische Freiraum folgte dem "Freiraum", den die Mitarbeiter seit 2010 im übertragenen Sinn genießen: Damals wurde die agile Unternehmensorganisation eingeführt. 2015 wurde sie kongenial in den gebauten Raum übersetzt: Zwischenwände und Decken wurden entfernt, um dem robusten Stahlkörper ein organisches Inneres zu verleihen. Und um den "fluiden Teams" von InVision maximale Denk- und Bewegungsfreiheit zu lassen. "Colocation" lautet die Devise. Um die Teams beweglich zu halten, fehlen sämtliche Schreibtischaccessoires wie Rollcontainer, Schränke oder Festnetztelefone. Alle Mitarbeiter haben freie Platzwahl, kein Netzwerkkabel bindet sie, jeder kann jederzeit von Team zu Team „shippen“. Die Teams sitzen meist an großen Eichenholztischen, die bis zu acht Personen Platz bieten. Zwei Tische stehen auf jeder Etage, jeder wiegt eine halbe Tonne. Für den "Einzug" mussten Teile der Gebäudefassade demontiert werden. Doch die Tische sind Bollenbeck wichtig: „Hier ist alles auf schnelle Kommunikation mit hoher Bandbreite ausgerichtet. Wem es zu laut wird, der setzt einfach seinen Kopfhörer auf, geht in eine schallgedämmte Telefonkabine oder legt eine Deep-Thinking-Session in der siebten Etage ein."

"Durch agile Arbeitsorganisation konnten wir die Anzahl unserer Mitarbeiter halbieren und unsere Produktivität verzehnfachen."
Peter Bollenbeck, Geschäftsführer InVision

Der Erfolg gibt ihm recht

Mit den Zwischenwänden und Decken wurden auch überflüssige Hierarchie-Ebenen eliminiert. Bei InVision gibt es weder Manager noch Chefs, weder Firmenwagen noch Statussymbole. Arbeitszeit- und Urlaubsplanung liegen komplett in der Hand der Teams. Kein Antrag, kein Genehmigungsprozess, kein unnötiger Papierkram. In der Regel sogar: überhaupt kein Papierkram, wie sich das für einen digitalen Pionier gehört. „Wir stellen einen Rahmen bereit, in dem jeder sich selbst organisiert und zum Wohl des Unternehmens eigenverantwortlich handelt. Ohne überflüssige Regeln und kleinteilige Gängeleien", betont Bollenbeck. Denn: „Je eingeschränkter man ist, desto weniger kreativ ist man und desto kleiner ist die intrinsische Motivation." Geht die Rechnung auf? „Ja", sagt Bollenbeck: „Wir gehen davon aus, dass wir hier Erwachsene beschäftigt haben und nicht im Kindergarten sind." Auch wenn das Interieur mitunter an einen bunten Abenteuerspielplatz erinnert. Das Ergebnis ist jedoch alles andere als Kindergarten: „Durch die agilen Arbeitsprinzipien konnten wir die Anzahl unserer Mitarbeiter um die Hälfte reduzieren: von 250 auf 130. Und unsere Produktivität und Innovationskraft gleichzeitig verzehnfachen." Ähnliches belegt die Studie „Agile Formen der Arbeitsorganisationen und ihre Auswirkungen auf klassische Personalinstrumente“ des Bundesverbands der Personalmanager (BDP), die zu dem Schluss kommt: Je agiler ein Unternehmen im Ganzen ist, desto größer ist sein wirtschaftlicher Erfolg. So sind die agilsten Unternehmen einer Branche durchschnittlich 2,7 Mal erfolgreicher als ihre Konkurrenten mit starren Strukturen.

Gutes Essen von Sterneköchen in agiler Arbeitsorganisation
Eat & Meet: Die Gastroküche auf gehobenem Restaurantniveau versorgt alle Mitarbeiter morgens und mittags mit ausgesuchten Köstlichkeiten, inklusive Candy Bar für den Schokoheißhunger am Nachmittag. Alle Mahlzeiten sind gratis – aber aufgrund der guten Gespräche am Tisch keinesfalls umsonst. © Martin Miseré
"Wir gehen davon aus, dass wir hier Erwachsene beschäftigt haben und nicht im Kindergarten sind."
Peter Bollenbeck

Was ist agile Software-Entwicklung?

Doch wie funktionieren die agilen Prinzipien genau, die laut Bollenbeck gerade „einen ungeheuren Hype in vielen großen und kleinen Unternehmen erfahren"? Sie werden auch als "leane" oder "schlanke Prinzipien" bezeichnet. „Hier gibt es feine Unterschiede“, erläutert Bollenbeck: „Leane, wörtlich schlank, stammt ursprünglich aus dem Toyota Production Systems (TPS) und beinhaltet u. a. die kontinuierliche Verbesserung, bei Toyota auch als 'Kaizen' bekannt. Kaizen bedeutet, Fehler zu erkennen, aus ihnen zu lernen und Probleme an der Ursache zu eliminieren. In diesen Prozess ist jeder einzelne Mitarbeiter involviert. Leane heißt: Mache nur das, was dem Kundennutzen zuträglich ist und lass alles Übrige – den 'Waste' – weg." Mitte der 90er Jahre wurde das Erfolgsmodell des Toyota Production Systems erstmals von namhaften Software-Entwicklern adaptiert. Die agile Software-Entwicklung war geboren und löste die bis dahin gängige – doch leider oft schwergängige – Wasserfallmethode ab. Der Vorteil: Bei der agilen Software-Entwicklung kann man schneller iterieren, d. h. Wiederholungen durchführen. „Wir sind in der Lage, mehrmals täglich neue Software-Versionen auszuliefern und direktes Kundenfeedback einzuholen. Dadurch haben wir einen viel schnelleren Innovationszyklus, als das in der Automobilbranche möglich ist." Das Lernen aus den Fehlern gehört bei InVision explizit zum Arbeitsauftrag: "fail" und "disobey" steht in leuchtenden Neonlettern an den Wänden einer üppig begrünten Lounge, die sich gestalterisch an keine Regeln hält. „Danach leben wir und danach arbeiten wir", sagt Bollenbeck

Meetingraum in agiler Arbeitsorganisation: mit vielen echten Pflanzen und anregendem Design.
Ziviler Ungehorsam im Urban Jungle: Statt steriler Einzelbüros laden Themen-Etagen mit Feel-Good-Atmosphäre zur kreativen Zusammenarbeit ein. „Colocation“ heißt das Konzept. „Disobey“ lautet der Arbeitsauftrag. © Richard Unger

Vom Autodidakten zum Spezialisten

Er selbst arbeitet schon seit Mitte der 80er Jahre so. Damals, als er begann, die ersten eigenen Software-Programme zu schreiben. Das ist nicht nur erstaunlich, weil die Computer-Entwicklung – rund um Atari, Commodore VC 20 und C64 – noch in den Kinderschuhen steckte. Sondern vor allem, weil Bollenbeck selbst noch in den Kinderschuhen steckte: Er war gerade einmal 10 Jahre alt. Während seine Klassenkameraden Comics lasen, verschlang er faustdicke Programmierhandbücher von Data Becker. Mit 15 war er dann bereits mutig und "nerdig" genug, seine eigene Computerfirma zu gründen. "Die Dokumente musste meine Mutter für mich unterzeichnen." Das Informatikstudium nach dem Abi schenkte er sich, denn er wusste schon alles, was er dort hätte lernen können. Auch das BWL-Studium an der Fernuni Hagen schmiss er nach wenigen Semestern, um seinen eigenen Laden schmeißen zu können: Mit zwei Schulfreunden gründete er 1995 InVision in Ratingen. 2007 ging das Unternehmen an die Börse, 2010 begann die konsequente Umsetzung agiler Arbeitsprinzipien in allen Unternehmensbereichen. Seinen Werdegang resümiert Bollenbeck mit coolem Understatement: "Ich bin klassischer Autodidakt: Wenn ich irgendwas wissen muss, lese ich es mir durch. Wenn ich es nicht verstehe, lese ich es noch mal durch. So lange, bis ich es verstanden habe. Im Nachhinein würde man sagen: Ich bin da so reingerutscht". Die Erfolgsleiter kann also auch eine Erfolgsrutsche sein.

"Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.
Samuel Beckett

Büro war gestern – Crowdworking und Crowdsourcing

Im Laufe der Jahre gründete InVision Tochtergesellschaften in Südafrika, Frankreich, Schweden, Großbritannien, Italien, Spanien, der Schweiz, den Niederlanden, USA und Österreich. Ursprünglich hatten die Standorte sehr starke lokale Strukturen, um vor Ort Projekte zu stemmen. Heute arbeiten sie gemeinsam an globalen Zielen, um international Synergien zu nutzen. Auch das ist ein Lerneffekt nach dem Fail-Prinzip. Ganz anders ist das beim sogenannten Crowdworking, wo Reibungsverluste bewusst in Kauf genommen werden, um kollektiv die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.

Jeder kann mitmachen

Beim Crowdworking wird die "Weisheit der Vielen" (Wisdom of the crowd) angezapft, sagt Wikipedia. Wikipedia muss es wissen, denn Wikipedia ist selbst ein Crowdworking-Projekt – und zwar eines der weltweit größten und erfolgreichsten. Beim Crowdworking schreiben Unternehmen Aufträge auf interaktiven Plattformen aus und jeder, der möchte, kann sich an dem Projekt beteiligen. Die Projekte werden auf Testing-, Design- und Innovationsplattformen eingestellt. Die Teilnehmer können Privatpersonen oder professionelle Unternehmer sein. Crowdworking-Projekte reichen von kostenfreien Engagements – wie dem Schreiben eines Wikipedia-Eintrags – über einfache Tätigkeiten für wenige Euro – wie dem Testen einer neuen App – bis hin zu komplexen Entwicklungsprojekten, die mit Hunderttausenden von Dollar vergütet werden. Viele namhafte Unternehmen – von Adidas über die Deutsche Telekom bis hin zu Volkswagen – nutzen inzwischen die Endgeräte und das Know-how der "Digital Natives" in aller Welt, um relevante Daten zu sammeln und ihre Produkte und Dienstleistungen zu verbessern.

Ein Besprechungstisch im Coworkingspace der Stadtwerke Düsseldorf.
Der Coworkingspace der Stadtwerke Düsseldorf verbindet moderne Arbeitsorganisation mit der Möglichkeit, vom reichen Erfahrungsschatz der Stadtwerke-Experten zu profitieren.

Win-win oder win-lose?

Von Crowdworking oder Crowdsourcing profitieren in der Regel beide Seiten: Unternehmen sparen sich den Aufbau komplexer Organisations- und Produktions-Infrastrukturen. Und Crowdworker schätzen die flexible Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort. So können sie ihr Büro zum Beispiel in ihre Lieblingsstadt verlegen oder an den Strand von Thailand oder Acapulco. Viele Crowdworker üben ihren Job als Nebenjob aus oder betrachten ihn sogar als Freizeitbeschäftigung. Es gibt aber auch hauptberufliche Crowdworker. Der Übergang zu prekären Arbeitsverhältnissen ist allerdings fließend, da mit dem Crowdsourcing in der Regel keine sozialen Absicherungen für die "Mitarbeiter" einhergehen. Es müssen weder Verträge abgeschlossen noch Abfindungen ausgezahlt werden. Bezahlt wird nur für den Erfolg.

Theke und Besprechungstische in der Denkfläche
Cool, aber nicht kühl: Im Coworkingspace der Stadtwerke Düsseldorf lässt sich mit moderner Technik, in inspirierendem Design und mit neuen „Kollegen“ die Produktivität angenehm steigern.

Coworking – die Denkfläche der Stadtwerke Düsseldorf

Das dritte Arbeitsmodell der Zukunft, das immer mehr Digital Natives miteinander verbindet und doch autonom arbeiten lässt, ist das Coworking. Auch in Düsseldorf sammeln sich Start-ups, Selbstständige und Kreative zunehmend unter einem Dach, um ihre Ideen auszutauschen, Synergien anzuzapfen und sich gegenseitig zu befruchten. Über die angesagtesten Düsseldorfer Coworkingspaces haben wir bereits berichtet, z. B. den Factory Campus in Flingern oder das Super7000 in Derendorf.

Lounge im Coworkingspace der Stadtwerke Düsseldorf.
Der Kenner weiß: Neben (Schreib)tischplätzen benötigt Kreativität und Effizienz auch Raum zum Relaxen.

Jetzt gehen die Stadtwerke Düsseldorf einen Schritt weiter: Im Sommer 2018 haben wir in der Hauptverwaltung am Höherweg 200 unsere neue "Denkfläche" für Start-ups, Freelancer und jeden, der in einer inspirierenden Umgebung arbeiten möchte, eröffnet. Auf 200 m2 entstehen zunächst 28 Arbeitsplätze. Ausgestattet mit modernster Infrastruktur, vom hauseigenen Druckservice über IT-Support bis hin zur guten Küche. Neben der Nutzung professioneller Services ist der intensive Austausch mit Experten der Stadtwerke Düsseldorf möglich und erwünscht, z. B. um innovative Projekte aufzusetzen, die unserer Stadt neue Impulse geben.

Interessiert? Dann informieren Sie sich unter www.denkflaeche.de oder reservieren Sie sich Ihren Platz.