HeimatLiebe

Marktschwärmer – Bauernhof goes digital

Wie Sie regionale Bauernprodukte dank Internet ganz leicht bestellen und auf dem Markt abholen können

Online bestellt und dann vom Bauern des Vertrauens auf dem Markt geliefert. Einfacher geht es nicht.

Regionale Erdbeeren, Kartoffeln und Eier online bestellen, aber auf dem Marktplatz beim Bauern höchstpersönlich abholen. In echter Marktatmosphäre und zu Zeiten, die auch Berufstätigen einen Einkauf auf dem Wochenmarkt ermöglichen. Begleiten Sie uns auf den Factory Campus, wo wir für Sie die erste Düsseldorfer Marktschwärmerei ausprobiert haben. Hereinspaziert in den Wochenmarkt 4.0.

Duftende Äpfel, aromatische Landgurken, vollmundige Weine. Buntes Markttreiben, gestikulierende Landwirte, zufriedene Kunden. Und Digitalisierung. Wie die Digitalisierung in die Reihe passt? Was sich auf den ersten Blick zumindest emotional auszuschließen scheint, ergibt bei genauerem Hinsehen einen tiefgründigen Sinn: Seit Juli gibt es in Düsseldorf Marktschwärmer. Hinter dem Namen verbirgt sich ein aus Frankreich stammendes Konzept des modernen Wochenmarktes, bei dem der Landwirt seine Gerätschaften um die Digitalisierung ergänzt. Der Effekt: Seine Ware wird regional noch mehr Menschen zugänglich. Fair, ethisch, umweltschonend. Und das Schöne daran: Mensch und Ernte stehen weiterhin im Mittelpunkt, das Flair eines Bauernmarktes bleibt davon unberührt.

Das französische Konzept des modernen Bauernmarktes ist in Düsseldorf angekommen.

Das französische Konzept des modernen Bauernmarktes ist in Düsseldorf angekommen.

Wie alles begann

Doch bevor wir uns auf zum etwas anderen Bauernmarkt machen, zunächst ein Blick zurück. Denn ein neuer Wochenmarkt entsteht nicht einfach aus dem Nichts. Es gilt, zahlreiche Dinge zu organisieren und zu entscheiden. Und es braucht eine Idee als zündenden Funken. Nicht zu vergessen: Jemand muss die Idee auch umsetzen. Im Falle der Marktschwärmerei war es Jana Lang. Sie ist die sogenannte Gastgeberin des Marktschwärmers in Düsseldorf, das Gesicht hinter den Kulissen. Bis zum ersten Markt Anfang Juli lag eine Menge Arbeit vor ihr. Und Steine, die sie mit viel Einsatz und Leidenschaft aus dem Weg räumte, um den fruchtbaren Boden darunter bestellbar zu machen.

Gastgeberin Jana Lang stellte mit viel Enthusiasmus und Tatkraft in Rekordzeit die Düsseldorfer Marktschwärmerei auf die Beine.

Gastgeberin Jana Lang stellte mit viel Enthusiasmus und Tatkraft in Rekordzeit die Düsseldorfer Marktschwärmerei auf die Beine.

Sie verfolgt die Marktschwärmer schon länger, zum Beispiel in Berlin, unserer Nachbarstadt Köln oder im französischen Toulouse, von wo das Grundkonzept stammt. Und schnell kam ihr die Idee, die Marktschwärmer in die Landeshauptstadt zu holen. Die Grundidee ist einfach – die regionale Etablierung nicht immer: Bauern und Manufakturen bieten ihre Ware im Internet auf regionalen Marktschwärmer-Plattformen an, der gesamte Bestellvorgang inklusive Bezahlung wird online erledigt. Hingegen erfolgt die Übergabe der bestellten Ware an den Kunden ganz traditionell höchstpersönlich auf dem Marktplatz. So lautet auch das deutsche Motto des Konzepts: „Gib deinem Bauern die Hand!“

Wer bei einem Bauern mehrere Produkte bestellt, den erwarten fertig zusammengestellte Warenkörbe.

Wer bei einem Bauern mehrere Produkte bestellt, den erwarten fertig zusammengestellte Warenkörbe.

Von Frankreich nach Düsseldorf

In Frankreich entstand diese Idee der Direkt-Online-Vermarktung regionaler Produkte im Jahr 2011. Dort gibt es mittlerweile weit über 700 solcher Märkte. Die Philosophie von „La Ruche qui dit Oui“ (Der Bienenkorb, der Ja sagt) – so heißt die Schwärmerei in Frankreich – ist offenbar so überzeugend, dass sie auch in Ländern wie Dänemark, Großbritannien, Spanien, den Niederlanden und der Schweiz großen Anklang findet. Und nun auch in Düsseldorf. Damit Erzeuger Teil der Community werden dürfen, müssen sie allerdings höchsten Ansprüchen genügen.

Jana Lang, die als Gastgeberin die Lierenfelder Schwärmerei aufbaut und verantwortet, überzeugt sich in vielen Hofbesichtigungen, Verkostungen und Gesprächen höchstpersönlich davon, ob die infrage kommenden Landwirte und Produzenten zur Marktschwärmerei passen. Denn nicht jeder kann hier mitmachen, die Auswahlkriterien sind streng, damit der gewünschte Qualitätsstandard gewährleistet werden kann. So ist beispielsweise die Nutzung von Genfutter oder Pflanzenschutzmitteln verboten. Artgerechte Tierhaltung sowie kurze Transportwege stehen ebenfalls auf der Liste. Die harten Auswahlkriterien haben einen Sinn: Marktschwärmer möchte mit dem Modell größtmögliches Vertrauen zwischen Produzenten und Konsumenten aufbauen und bestmögliche Transparenz erreichen. Unterstützt wird der Vertrauensaufbau durch Ausflüge zu den Bauern, die Gastgeberin Lang später für Kunden organisieren wird.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Obwohl das Marktkonzept nur Vorteile für die Bauern zu bieten scheint, musste Jana Lang im Vorfeld an vielen Stellen schwere Überzeugungsarbeit auf dem Land leisten. Deutschlandweit wissen Gastgeber zu berichten, dass sich hier einerseits das Sprichwort „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht“ bewahrheitet. Andererseits haben die Produzenten mit realen Herausforderungen bei der Erschließung neuer Handelswege zu kämpfen. Das Konzept richtet sich nämlich überwiegend an kleine Manufakturen und Familienbetriebe. Aber gerade für sie ist der Einstieg in neue Geschäftsmodelle mit einem erhöhten unternehmerischen Risiko verbunden. Ein neues Konzept bedeutet nämlich stets eine Anfangsinvestition. Im Falle der Marktschwärmerei heißt das konkret: Zum einen erfordert die digitale Bestellabwicklung entsprechende Ressourcen in Form von Zeit und technischen Voraussetzungen. Zum anderen ist der Weg aus einem Hofladen hinaus in die große Stadt mit logistischen Herausforderungen (beispielsweise die Einhaltung von Kühlketten) verbunden. Uns somit mit einer weiteren Investition, mit der sie zumindest in Vorleistung treten müssen. Und wie es um die Portokasse der Landwirte im Gegensatz zu großen Ketten bestellt ist, ist hinreichend bekannt.

Zitat Anfang

Ich möchte genau wissen, was in meiner Ernährung steckt und wo sie herkommt.
Jana Lang, Gastgeberin Marktschwärmerei Düsseldorf

Zitat Ende

290 Produkte, 17 Erzeuger, 1 Eröffnung

Grundvoraussetzung, damit ein Markt zu einer Marktschwärmerei werden darf: alle Grunderzeugnisse (Obst, Gemüse, Backwaren, Molkereiprodukte und Honig) müssen im Angebot sein. Außerdem müssen sich mindestens 150 Mitglieder für den Markt angemeldet haben. In Düsseldorf ist das der Fall, der Startschuss zum ersten Markt fiel Anfang Juli.

Ohne Brot kann keine Schwärmerei eröffnen, da alle Grundnahrungsmittel angeboten werden müssen.

Ohne Brot kann keine Schwärmerei eröffnen, da alle Grundnahrungsmittel angeboten werden müssen.

Die Mitgliedschaft ist für Kunden kostenlos und verlangt auch keinen Mindestbestellwert. Alle Mitglieder werden per E-Mail und Facebook regelmäßig über Neuigkeiten in der Schwärmerei informiert. Eine Bestellung ist bis 48 Stunden vor der Marktzeit – in Düsseldorf jeden Dienstag von 17:30 bis 19:30 Uhr – über die Webseite möglich. Die Bezahlung erfolgt mit Kreditkarte, Sofort-Überweisung oder Giro-Pay. Fertig. Wer nach der Bestellung noch etwas vergessen hat, beispielsweise das Brot, kein Problem: Einfach noch mal einloggen und bestellen. Auf dem Bestellschein, den jedes Mitglied per E-Mail erhält, erscheinen Bestellnummer, Erzeuger, Produkt und die Entfernung zwischen Erzeugerstandort und Marktschwärmerei. Derzeit liegt die durchschnittliche Entfernung bei 27,9 Kilometern. Ein unbezahlbarer Vorteil der Vorbestellung liegt darin, dass die Landwirte genau die Menge ernten und tagesfrisch verkaufen, die vorbestellt wurde. Einen Direktverkauf auf dem Marktplatz sieht das Konzept nämlich nicht vor. Also auch keine Verschwendung von Lebensmitteln.

Alkoholische Getränke wie hochwertige Weine und Schnäpse können selbstverständlich auch Teil gesunder Ernährung sein – vor allem, wenn transparent ist, was drin steckt.

Alkoholische Getränke wie hochwertige Weine und Schnäpse können selbstverständlich auch Teil gesunder Ernährung sein – vor allem, wenn transparent ist, was drin steckt.

Eröffnung in Rekordzeit

Im Falle der Düsseldorfer Marktschwärmerei vergehen zwischen der ersten Facebook-Einladung und der Eröffnungsfeier gerade einmal zwei Monate. Gastgeberin Jana Lang hat damit einen Rekord hingelegt: Noch nie wurde eine Schwärmerei so schnell in die Tat umgesetzt wie in Düsseldorf. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass der aktuelle Trend zu regionaler Küche in Düsseldorf eine verlässliche Heimat hat. Regionalität ist aber nur eine Facette des Konzepts. Fairness, Gesundheit, Qualität und Umweltschutz hat sich das Netzwerk ebenfalls auf die Fahnen geschrieben. Man könnte hier auch von ethischer Ernährung sprechen, Provisionsmodell eingeschlossen: 16,7 Prozent des Umsatzes gehen je zur Hälfte an Netzwerk und Gastgeber(in). Hält man sich vor Augen, dass die Landwirte auf den konventionellen Wochenmärkten deutlich mehr und im Handel ein Vielfaches davon abgeben müssen, ein fairer Deal.

Auch der Bestellschein lässt sich digital mitbringen. Ein Ausdruck ist die Alternative.

Auch der Bestellschein lässt sich digital mitbringen. Ein Ausdruck ist die Alternative.

Die ersten Düsseldorfer Bestellungen kamen die Kunden/Mitglieder bei der Eröffnung am 11. Juli abholen. Nett zu beobachten war, dass bei der Abarbeitung der Bestellzettel ein freundlicher Austausch zwischen Kunden und Produzenten stattfand; vom Geplänkel bis zum Beratungsgespräch war alles drin. Voll digital war der Einkauf allerdings nur, wenn der Bestellschein per Smartphone vorgezeigt wurde.

Ziegenkäse Chili-Pepper stand auch auf dem Bestellschein – ausgezeichnet!

Ziegenkäse Chili-Pepper stand auch auf dem Bestellschein – ausgezeichnet!

Gastgeberin Lang hat es also geschafft: Der Markt ist eröffnet, um sie herum nur fröhliche Gesichter und auch sie ist natürlich überglücklich, den Menschen zu einer Esskultur, von der sie selbst zutiefst überzeugt ist, den Zugang zu erleichtern: „Ich möchte genau wissen, was in meiner Ernährung steckt und wo sie herkommt. Was gibt es da naheliegenderes als ein Konzept, bei dem Transparenz sowie der persönliche Kontakt zwischen Produzent & Konsument zu den Grundprinzipien gehört?“

Wer noch nicht in der Schwärmerei registriert ist, kann dies auf dem Markt erledigen. Ware bekommt der Kunde dann allerdings erst beim nächsten Mal.

Wer noch nicht in der Schwärmerei registriert ist, kann dies auf dem Markt erledigen. Ware bekommt der Kunde dann allerdings erst beim nächsten Mal.

Am Eröffnungstag haben sich weitere 40 Kunden registrieren lassen, ein erheblicher Zuwachs für die Community. In den kommenden Wochen holen dann auch diese Mitglieder auf dem Factory Campus vielleicht Lavendelsirup, Gulasch aus Biokuhfleisch oder Schokowalnusskuchen im Glas ab. Bis dahin haben sie hoffentlich all ihren Freunden, Bekannten und Nachbarn vorgeschwärmt. Denn davon lebt das Konzept wirklich: Mundpropaganda.

Haben wir Ihnen den Mund wässrig gemacht? Die Schwärmerei in Lierenfeld finden Sie auf dem Factory Campus, Erkrather Straße 401. Registrieren können Sie sich unter www.marktschwaermer.de.

Übrigens ...

Wenn Sie sich jetzt fragen, was ist denn eigentlich der Factory Campus ? Kein Problem, wir kennen nicht nur die Antwort, wir haben ihn besucht! Herausgekommen ist ein spannender Artikel über die Arbeitswelt von morgen, natürlich zu lesen im Online-Magazin.