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Benni Over und die Orang-Utans

Im Interview: Ein ganz besonderer Junge widmet sein Leben dem Überleben der Regenwaldbewohner.

Der an Muskelschwund erkrankte Benni Over sitzt im Rollstuhl und hat ein Orang-Utan-Junges auf dem Schoß.

Benni Over ist fast 30 Jahre alt und leidet unter Muskelschwund in fortgeschrittenem Stadium. Trotzdem kümmert er sich hingebungsvoll um andere Lebewesen: die Orang-Utans im Regenwald Borneos. Und er hat schon sehr viel erreicht. Höchste Zeit also, den gebürtigen Düsseldorfer Jung‘ zum Gespräch zu treffen.

Benni Over ist ein wirklich außergewöhnlicher Mensch – an den wir jede Menge Fragen haben. Zum Glück steht ihm sein Vater beim Beantworten zur Seite.

Benni, mit einem Besuch im Zoo hat alles angefangen. Dort hast du deine Liebe für Orang-Utans entdeckt. Erzählst du uns von dem Tag?

Das war im Sommer 2014, als ich mit meinen Eltern den Berliner Zoo besuchte. Den ganzen Tag verbrachte ich vor dem Orang-Utan-Gehege. Vor allem der kleine Bulan hatte es mir angetan. Als dieser mir am Gehege in die Augen schaute, da ist ein Funke übergesprungen und es machte klick. Ich spürte, dass Orang-Utans auch eine Seele haben und sie einem mit ihren Augen die Wahrheit sagen.

Benni Over schaut aus der Ferne zu, wie die geretteten Affen in der Waldschule miteinander spielen.
Orang-Utans nicht auf Bildern oder im Zoo, sondern in (fast) freier Natur zu sehen, hat Benni unendlich glücklich gemacht.

Seitdem engagierst du dich sehr für das Überleben der Affenart. Dazu gehört auch die Sorge um ihren natürlichen Lebensraum, den Regenwald. Wieso nennt man Orang-Utans auch die "Urwaldgärtner"?

Palmöl ist die größte Bedrohung für die Orang-Utans. Denn ihr Lebensraum wird abgeholzt (jede Stunde eine Fläche in der Größe von 200 Fußballfeldern), um immer mehr Palmölplantagen aufzubauen und um immer mehr Palmöl herzustellen. Dieses Öl befindet sich in einem Großteil unserer Supermarktprodukte und findet sich zunehmend auch in unseren Tanks wieder. Andere Tierarten sind ebenfalls vom Schwinden der Wälder betroffen.

Die Orang-Utans bezeichnet man deshalb als Gärtner des Regenwaldes, weil sie mit ihrer Futterauswahl und dem Ausscheiden desselben für den Fortbestand gesunder Regenwälder sorgen. Jene Wälder, die das Oxygen produzieren, das unsere Welt gerade in Zeiten des Klimawandels so dringend braucht. Der Mensch aber, mit seiner Profitgier, ist so dumm, greift ein und macht das alles kaputt – mit dramatischen Folgen für die Menschheit selbst.

Du hast mit "Henry rettet den Regenwald" sogar ein Buch dazu rausgebracht. Wie bist du auf die Idee gekommen, dich mit deiner Botschaft speziell an Kinder zu wenden?

Die nachfolgende Generation wird besonders von den Folgen der Regenwaldzerstörung betroffen sein. Aus diesem Grund können gerade Kinder zu sehr wichtigen Botschaftern in der Familie und Gesellschaft werden; auch wenn es um das Konsumverhalten geht.

Um ihnen einen Zugang zu so komplexen Themen wie Regenwald, Klima und Konsum zu geben, hatte ich die Idee zu einem Kinderbuch, einer fiktiven Geschichte mit realem Hintergrund. Auf die Henry-Geschichte reagieren Kinder sehr emotional und kommen schnell auf der Handlungsebene an. Bei unseren Veranstaltungen in Schulen erleben wir dies immer wieder: Kinder selbst schlagen vor, wie sie helfen können, was sie tun können: Auf Palmöl verzichten und mehr frisch zubereitetes Essen zu sich nehmen oder die Schokocreme selbst machen. Wir hatten sogar Anrufe von Eltern, die erzählten, dass ihr Kind den gesamten Vorrat untersucht und alle Produkte, die Palmöl enthalten, in den Abfalleimer geworfen habe. Ich denke, dass die Chance, im Konsumverhalten etwas zu verändern, bei Kindern und Jugendlichen am höchsten ist.

Um die Botschaft so weit wie möglich zu tragen, gibt es auch einen Trickfilm zum Kinderbuch „Henry rettet den Regenwald“.

Henry rettet den Regenwald

Henry rettet den Regenwald" - Animation, 20 min, Originalversion

Du lebst zwar schon lange in Rheinland-Pfalz, bist aber gebürtig ein rheinischer Jung'. Würdest du heute noch in Düsseldorf wohnen, wenn es den Zoo noch gäbe?

Wir sind vor allem wegen meiner Erkrankung in die Heimat (100 km von Düsseldorf) meiner Eltern gezogen. Wenn es einen Zoo in Düsseldorf gäbe, würde ich diesen regelmäßig besuchen. Auch haben wir viele Kontakte und Freundschaften in Düsseldorf. Wir besuchen uns häufig.

Du fährst nicht nur von Zoo zu Zoo, sondern besuchst die Menschenaffen in deren Heimat. Du warst zum Beispiel in einem Orang-Utan-Camp auf Borneo. Wie war das?

Ja, im Frühjahr 2016 war ich mit meiner Familie für zwei Wochen auf Borneo und habe drei Orang-Utan-Rettungscamps besucht. Den Orang-Utans direkt zu begegnen, teils ohne Gitter bzw. Gehege, das war etwas sehr Besonderes für mich. Man muss aber wissen, dass alle Orang-Utans in den Rettungscamps Waisenkinder sind, deren Mütter bei Waldrodungen getötet wurden. Meist wird die Mutter gezielt getötet und das Baby oder Kind einfach mitgenommen und in die illegale Privattierhaltung verkauft oder ins Ausland geschmuggelt. Nur, wenn Rettungsorganisationen rechtzeitig von den Rodungen erfahren, dann haben die kleinen Orang-Utans die Chance, in einem Rettungscamp aufzuwachsen.

Während meiner Reise waren wir auch in Schulen, in Familien und mit Aktivisten zusammen – sogar mitten im Dschungel. Auf dem Weg dorthin fuhren wir stundenlang durch kilometerlange Monokulturen mit Palmölplantagen. Darin ist kein Platz mehr für Orang-Utans und andere Tiere. Die Folgen der Abholzung wurden mir unmittelbar vor Augen geführt. Das macht Angst. Die Verantwortlichen der Rettungsorganisationen ernannten mich zum Botschafter für Orang-Utans und gaben mir einen Auftrag mit auf den Weg: „Erzähle das alles in deiner Heimat. Die Menschen bei dir zu Hause sollen wissen, welche Folgen die Regenwaldzerstörung hat – nicht nur hier, sondern weltweit.“ Diese Verantwortung habe ich von ganzem Herzen übernommen.

Das war nicht deine einzige Reise. Stimmt es, dass du bereits mehr als 50 Länder besucht hast? Wo warst du schon überall?

Ja, das stimmt. Neben fast allen europäischen Ländern war ich auch schon in Afrika sowie Nord- und Mittelamerika. Ich würde gerne einmal nach Südamerika reisen, aber das verursacht auch übermäßig viel CO2. Ich überlege bei jedem Flug genau, was ich tue.

Das ist sicher nicht einfach, oder? Du leidest ja an Muskeldystrophie Duchenne. Inwiefern bist du dadurch auf Unterstützung angewiesen?

Schon seit Kindertagen bin ich auf Unterstützung angewiesen. Der schleichende Muskelschwund hat mich im Alter von zehn Jahren in den Rollstuhl gebracht und heute kann ich nur noch meine Finger bewegen. Aufgrund eines Herzstillstandes im Dezember 2016 bin ich tracheotomiert und werde seitdem überwiegend von einer Maschine beatmet. Ohne Hilfe (Pflegedienst und ambulante Dienste), vor allem ohne meine Eltern, wäre der Alltag schwer zu bewältigen. Ich kann mich aber auf alle verlassen und lebe jeden Tag, vor allem für mein Projekt.

Benni Over bekommt auf der BAMBI-Verleihung das begehrte goldene Rehkitz überreicht.
Für sein Engagement ist er u. a. mit dem Verdienstorden von Rheinland-Pfalz geehrt worden. Und beim BAMBI war er auch zu Gast. Ganz ausgezeichnet, Benni!

Auf der anderen Seite spornt dich die unheilbare Krankheit wahrscheinlich sogar an?

Das kann ich gar nicht so genau beantworten. Es gibt, so glaube ich, keine Zufälle. Ich denke, es sollte so sein, dass ich den Waldmenschen begegne. Irgendwie verbindet mich vielleicht ein ähnliches Schicksal. Für mich ist es wichtig, mich einzusetzen, und mit anderen zusammen Gutes auf den Weg zu bringen.

Es gibt auch ein weiteres Buch von dir – "Im Rollstuhl zu den Orang-Utans", dieses Mal ein Sachbuch. Wie kam es dazu?

Das ist eine lange Geschichte. Eigentlich war eine zweite Reise für Januar 2017 geplant. Alles war schon vorbereitet; auch, dass der SWR für eine Dokumentation und Christina Schott für das Reisebuch mitkommen sollten. Und dann kam Anfang Dezember 2016 der Herzstillstand, als Folge einer anhaltenden Infektion. Ich war insgesamt 37 Tage auf der Intensivstation, davon viele Tage im künstlichen Koma. Wenn sich meine Eltern – sie waren ständig bei mir – nicht vehement eingesetzt hätten, dann würde ich heute nicht mehr leben. Denn die verantwortlichen Ärzte rieten mit Nachdruck dazu, die Maschinen abzustellen.

Vor diesem Hintergrund gab es keine Chance auf die zweite Reise ins Land der Orang-Utans. Das machte mich sehr traurig. Später besprachen wir mit der Autorin, Christina Schott, dass sie alle Stationen unserer ersten Reise quasi „nachreist“ und mit all jenen Menschen Interviews führt, denen wir begegnet waren. Daraus entstand dann ein Reise- und Sachbuch, welches wir zum Welt-Orang-Utan-Tag, dem 19. August 2018, herausgeben konnten. Dass Claus Kleber, Moderator vom heute-journal, das Vorwort geschrieben hat, macht mich sehr stolz.

Bennis Reisetagebuch: Bewegende Momente

Bennis Reisetagebuch: Bewegende Momente – Benni trifft Selly, Maya, Boy und Mona

Du machst nicht nur solche Leuchtturmprojekte, sondern besuchst ständig Schulen, um auf dieses wichtige Thema aufmerksam zu machen.

Ja, mit meiner Familie toure ich deutschlandweit durch Schulen, Universitäten, Buchhandlungen und andere Einrichtungen. Wir informieren über die Zusammenhänge der Regenwaldzerstörung und weisen auf die Folgen für die Umwelt und das Klima hin. Wir versuchen, die nachfolgende Generation dazu zu bewegen, eigene Maßnahmenpakete pro Regenwald- und Klimaschutz aufzusetzen: für sich selbst, für die Schule und für die Familie. Allein in 2019 haben wir ca. 40 Vorträge gehalten, vor allem an Schulen. Wir müssen leider feststellen, dass ein ordnungspolitischer Rahmen und entsprechende Regulierungen seitens der Regierungen nicht in Sicht sind.

So sehen wir die Hoffnung in der nachfolgenden Generation selbst. Mit der Aktion „JETZT-2050“ rufen wir Schulen auf mitzumachen, um mit eigenen Maßnahmenpaketen Umwelt- und Klimaschutz vorzuleben und zu demonstrieren.

Gruppenfoto von Benni Over und seinem Team inmitten eines Klassenraums voll indonesischer Grundschüler.
In Tembak auf Borneo hat Benni eine Grundschule besucht, zurück in Deutschland informiert er selbst viele Klassen.

Was können wir hier in der industrialisierten Welt tun, um einen Beitrag zum Erhalt des Lebensraumes dieser Tiere zu leisten?

Sehr viel. Allein die Liste der Maßnahmen, die kein Geld kosten, ist lang. Für uns selbst haben wir einen Familienaktionsplan pro Regenwald- und Klimaschutz vereinbart. Darin steht u. a., dass wir unsere Lebensmittel nur saisonal und regional einkaufen, dass wir unser Essen frisch zubereiten und damit auf Palmöl verzichten, dass wir unseren Fleischkonsum auf weniger als die Hälfte reduzieren und dass wir uns überwiegend aus dem eigenen Garten ernähren und vieles mehr.

Ich denke, dass die Themen ins Bewusstsein der Menschen gelangen müssen. Maßnahmen folgen dann oft von allein. Wichtig wäre meines Erachtens, dass sowohl in der Schule als auch in der Familie Themen wie „nachhaltige Entwicklung“ in den Lehrplan aufgenommen werden bzw. auf den Familientisch kommen und diskutiert werden. Als wichtig erachte ich auch, dass speziell junge Familien, ihre Stimme erheben und sich für eine lebenswerte Zukunft auf der Erde einsetzen – und Politik, Industrie und Wirtschaft zum Handeln zwingen. Wie wäre es z. B., wenn 1.000 Schulen bzw. 250.000 Schüler*innen zum Boykott von palmölhaltigen Süßigkeiten oder von Wasser in Plastikflaschen aufrufen würden? Ich denke, dass die Lebensmittelindustrie reagieren würde.

Findet man dich auch in den sozialen Medien? Auf welchen Plattformen bist du aktiv?

Auf meiner Homepage findet man alle Informationen zu meinem Projekt. Etwa auch zu meiner Spendenkampagne für ein Wiederaufforstungsprojekt in Indonesien. Es soll ein neuer Wald entstehen. Dafür werden rund 1,5 Millionen Euro benötigt. Ich möchte aus Deutschland heraus das Projekt mit 100.000 Euro unterstützen. Die ersten 25.000 Euro konnte ich bereits an den Leiter des Projektes, Herrn Dr. Willie Smits, im November des letzten Jahres übergeben. Willie Smits wurde übrigens am 21. November 2019 mit einem BAMBI in der Kategorie „Unsere Erde“ ausgezeichnet. Ich war als Gast in Baden-Baden dabei. Und ich selbst bin am 25. November 2019 mit dem Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz geehrt worden. Auch darauf bin ich sehr stolz.

Benni schließt das Interview mit einem Aufruf zu eigenen Schul-Spendenaktionen . Und dann äußert er noch den Wunsch, mal eine Veranstaltung in einer Schule seiner Geburtsstadt Düsseldorf durchführen zu können. Vielleicht geht dieser Wunsch ja demnächst in Erfüllung.

Update: Benni in Quarantäne

Die Pandemie trifft auch Benni, wenn zum Glück bisher nur indirekt. Zwar ist er nicht infiziert, doch weil er mit seiner Erkrankung zur Corona-Risikogruppe gehört, hat er sich zusammen mit seinen Eltern in freiwillige Quarantäne begeben.

Benni verlässt das Haus nicht, die Familie lässt niemanden herein. Seine Eltern übernehmen Intensivpflege und Therapien allein. Sie fürchten, dieser Zustand werde anhalten, bis ein Impfstoff gefunden ist. Das bedeutet natürlich auch: Sämtliche geplanten Veranstaltungen wie Altenheim- und Schulbesuche sind abgesagt. Benni arbeitet jetzt an einem geeigneten Format für Online-Veranstaltungen per Videokonferenz.

Neben seinen Projekten zur Rettung des Regenwalds und der Orang-Utans geht Benni nun auch mit einer weiteren Botschaft an die Öffentlichkeit: Er macht darauf aufmerksam, die Risikogruppen bei den Maßnahmen gegen das Virus nicht zu vergessen. Angehörige von Risikogruppen muss die Möglichkeit gegeben werden, weiterhin am Leben teilhaben zu können. Bei beschlossen Lockerungen von Ausgangsbeschränkungen muss auch an sie gedacht werden.

Zu Bennis Videobotschaft

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