HeimatLiebe

Die Herren der Fliegenden Bauten

So macht TÜV Rheinland Fahrgeschäfte sicher

Nicht nur für Kinder ist eine Kirmes ein Riesenspaß. Vom Bierzelt bis zur Achterbahn ziehen Events wie die Rheinkirmes oder Rhein in Flammen Millionen von Besuchern an. Die Attraktionen werden dabei von Jahr zu Jahr aufregender, um jedem Kirmesgast den gewünschten Adrenalinkick zu geben. Für die Sicherheit der „Fliegenden Bauten“ sorgt TÜV Rheinland.

Der Frühnebel hängt noch über den Bonner Rheinauen, aber auf der Wiese herrscht bereits geschäftiges Treiben. Schausteller brüllen Anweisungen, Bauteile werden angebracht und Beleuchtungstests gemacht. Ein Kinderkarussell dreht zu fröhlicher Musik eine erste Runde, während von der Bühne in der Mitte der Kirmes dröhnende Bässe klingen. Die Generalprobe für Rhein in Flammen hat begonnen. Die ersten Besucher werden ab 14 Uhr erwartet, da heißt es, die letzten Aufbauarbeiten zu erledigen und alles bereit für den Ansturm zu machen. Fast unbemerkt schlängelt sich ein Auto zwischen den Fahrgeschäften durch und hält vor dem „Ghost Rider“, eine der wilderen Attraktionen hier. Mit schneller Fahrt, seitlichen Überschlägen und mächtig Tempo. Zwei Männer in dunkelgrauen Overalls sind mittlerweile aus dem Auto ausgestiegen. Aus gutem Grund. Denn dass bei jeder Fahrt hier alles nach Plan verläuft, dafür sind die beiden Männer zuständig. Es sind Rainer Reichelt und Stefan Franken von TÜV Rheinland. Und sie testen Karussells. Unter anderem.

Nirgendwo zu Hause, überall sicher

Doch der Reihe nach. Die Fachbezeichnung für Kirmesattraktionen wie den „Ghost Rider“ nennt sich „Fliegende Bauten“. Damit sind Fahrgeschäfte wie Achterbahnen, Karussells oder Wasserbahnen gemeint, aber auch Bierzelte und Losbuden. Einfach alles, was den baulichen Sicherheitsstandards von Gebäuden entsprechen muss, aber immer wieder auf- und abgebaut wird. Jetzt könnte man meinen, was von TÜV Rheinland geprüft wird, entspricht in etwa der Prüfung des eigenen Pkw. Sprich: Alle paar Jahre geht es zur Hauptuntersuchung – umgangssprachlich auch TÜV genannt – , dann werden die Fahrgeschäfte für sicher eingestuft und dürfen weiter in Betrieb sein. Und was die regelmäßigen Fachprüfungen angeht, stimmt das auch. Aber tatsächlich muss der „Ghost Rider“ von der Sicherheit her einem Gebäude entsprechen. Daher auch die Fachbezeichnung „Fliegende Bauten“. Es sind Gebäude, die unterwegs sind, keine Fahrzeuge. Und diese müssen eben ganz andere Anforderungen erfüllen.

Prüfung ist nicht gleich Prüfung

Rainer Reichelt ist Maschinenbauingenieur. Sein Kollege Stefan Franken Elektroingenieur. Was die beiden am „Ghost Rider“ vornehmen, ist eine „Prüfung zur Verlängerung der Ausführungsgenehmigung“. Was im Fachjargon sehr nach Beamtendeutsch klingt, ist tatsächlich schnell erklärt. Denn jedes Fahrgeschäft wird zu Beginn seiner Laufzeit einmal intensiv geprüft. Entspricht es den Sicherheitsstandards, erhält es eine Ausführungsgenehmigung. Wird also von TÜV Rheinland zugelassen und kann in Betrieb gehen. Genau wie beim Auto wird dann regelmäßig gecheckt, ob das Fahrgeschäft immer noch den Sicherheitsstandards entspricht. Das machen in diesem Fall die Herren Reichelt und Franken. Aber sie sind längst nicht die Einzigen. Denn bei jedem Aufbau gibt es noch eine Gebrauchsabnahme vor Ort. Meist durch das örtliche Bauamt, das sich ansieht, ob alles laut Prüfbuch aufgebaut wurde. Und natürlich muss auch der Betreiber selbst dafür sorgen, dass immer alles laut Plan fährt. Die gute Nachricht für alle Adrenalinjunkies: Es sorgen also gleich mehrere Instanzen dafür, dass sie unbesorgt auf der Kirmes unterwegs sein können.

Das Prüfbuch ist so etwas wie der Pass des Fahrgeschäfts. Hier werden auch alle notwendigen Prüfungen vermerkt und eingetragen.

Das Prüfbuch ist so etwas wie der Pass des Fahrgeschäfts. Hier werden auch alle notwendigen Prüfungen vermerkt und eingetragen.

Auf Herz und Nieren

Der „Ghost Rider“ von Dirk Löffelhardt hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Seit fast zwanzig Jahren wirbelt er begeisterte Fahrgäste in ganz Deutschland durch die Luft. Einfach beschrieben ist Löffelhards Attraktion eine rotierende Scheibe mit 16 Gondeln, die an Schwenkarmen ihre Passagiere fliegen lassen. Im Hintergrund sorgt das Motiv einer amerikanischen Großstadt mit Babes und Bikern für das typische Kirmesflair. In großen Lettern prangt der Name der Attraktion über allem: Ghost Rider. Aber für die bunte Airbrush-Malerei und die wechselnden Beleuchtungsmuster haben Reichelt und Franken keine Augen. Sie interessieren sich für das Innere des Fahrgeschäfts. Und werden es auf Herz und Nieren prüfen, wie bei jeder Verlängerungsprüfung. Die erfolgt nicht nur streng nach Buch, sondern beginnt auch mit einem Blick in selbiges: das Prüfbuch. Hier wird nicht nur festgehalten, wie das Fahrgeschäft aufzubauen ist, sondern auch, welche Prüfung wann und durch wen erfolgte. Im Prüfbuch sind auch die Benutzungsregeln vermerkt, beispielsweise wie groß Fahrgäste mindestens sein müssen, um mitfahren zu dürfen? Gibt es Einschränkungen für Herzkranke und Schwangere? Und sind diese Regeln auch sichtbar für alle angebracht?

Das Innenleben eines Fahrgeschäftes

Egal, ob Sicherungskasten, Innenleben der Schwenkarme oder Verzahnungen der Sicherheitsbügel: Jedes Detail wird von Reichelt und Franken geprüft. Hier gibt es keine Stichproben, jede Schweißnaht wird von den geübten Augen der Fachleute unter die Lupe genommen. Franken prüft die Spannung auf den Kabeln im Inneren des Fahrgeschäftes. „Der ‚Ghost Rider’ hat zwei Sicherungen. Wenn nur eine ausfällt, hält er sofort an“, sagt er, während er den Motor begutachtet. Kein Kabelende darf offen liegen, jede Schraube muss sitzen. Selbst die Leitungen für die Beleuchtung werden geprüft. Denn Sicherheit muss nicht nur für die Fahrgäste, sondern auch für die Schausteller selbst gelten. Mit vollem Körpereinsatz klettern die Prüfer, gesichert mit Gurten, auf die Befestigungen des Fahrgeschäfts, schwingen sich unter die Gondel und unterziehen auch den Untergrund des Fahrgeschäftes einer Prüfung. Hier ist im Normalfall alles mit Planen verschlossen. „Während des Fahrbetriebs besteht hier akute Lebensgefahr. Es darf sich also niemand darunter verirren“, erklärt Reichelt, während er die Konstruktion von unten in Augenschein nimmt.

Nach mehr als zwei Stunden intensiver Prüfung sind die TÜV-Mitarbeiter zufrieden und es steht die Kür an: eine Probefahrt. Auch die verläuft nach Vorschrift und das Fahrgeschäft von Betreiber Löffelhardt bekommt die begehrte Plakette aufgeklebt. In wenigen Stunden wird der „Ghost Rider“ bereits begeisterte Fahrgäste durch die Luft katapultieren. Und niemand muss sich Gedanken über die Sicherheit machen. Denn dafür haben die Herren Reichelt und Franken von TÜV Rheinland gesorgt. Die machen sich auf zum nächsten Fahrgeschäft. Etliche Hundert Fahrgeschäfte wollen im Jahr von den beiden und ihren Kollegen geprüft werden. Übrigens nicht nur auf den Kirmesplätzen, sondern auch in Freizeitparks. Damit deutsche Fahrgeschäfte so sicher bleiben wie nirgendwo sonst auf der Welt.

Von der Kirmes zum Freizeitpark

Auch das Phantasialand wird regelmäßig von TÜV Rheinland unter die Lupe genommen. Da gibt es aber neben dem Adrenalinkick noch viel mehr zu entdecken. Wie die Welt zwischen China und Afrika zum Klassenzimmer werden kann, erfahren Sie in einem Artikel, der hinter die Kulissen des Vergnügungsparks schaut.