HeimatLiebe

Faust (to go)

Das Theater kommt zu den Menschen

Ein fulminantes Theaterspektakel, das in und um Düsseldorf an ganz unterschiedlichen Orten aufgeführt wird. (alle Fotos: Sebastian Hoppe, Düsseldorfer Schauspielhaus)

Für das Düsseldorfer Schauspielhaus inszeniert Regisseur Robert Lehniger Goethes Faust als mobilen, modernen Roadtrip zwischen Film und Realität – und lädt die Düsseldorfer ein, sich und ihre Stadt neu zu entdecken.

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ – Dieser Satz aus Goethes „Faust“, dem wohl bekanntesten Werk deutscher Literatur, scheint wie gemacht für das Konzept der neuen Inszenierung „Faust (to go)“ des Düsseldorfer Schauspielhauses.

Intendant Wilfried Schulz hat aus der Not eine Tugend gemacht. Da das Schauspielhaus Düsseldorf am Gustav-Gründgens-Platz auch in der aktuellen Spielzeit 2016/2017 noch nicht bespielbar ist, muss das Theater vorläufig immer wieder andere Spielstätten finden. Dies ist bereits mit dem Central am Hauptbahnhof, dem Theaterzelt auf dem Corneliusplatz und Vorstellungen im Capitol Theater sowie dem Dreischeibenhaus gelungen. Ortswechsel, die von den Düsseldorfern gut angenommen wurden, wie zahlreiche ausverkaufte Vorstellungen zeigen. Die Botschaft ist klar: Das Theater ist frei, lebendig und bewegt (sich). Es kommt zu den Menschen, ist mitten unter ihnen.

Mit „Faust (to go)“ geht das Düsseldorfer Schauspielhaus nun noch einen Schritt weiter. Denn die mobile Inszenierung ist so gut wie überall spielbar. Sie ist immer unterwegs, an keinen Ort gebunden. Wer möchte, hat also jetzt die Möglichkeit, sich eine Vorstellung nach Hause zu holen. Das ist übrigens deutlich preiswerter, als mancher denken mag. Zwischen 500 bis 1.000 Euro kostet der private Auftritt. Weitere Voraussetzung: ausreichend Raum für den großen Container, der einerseits transportabler Bestandteil der Aufführung ist und andererseits als Projektionsfläche für die zahlreichen Video-Implementationen genutzt wird. Denn das ist eine weitere Besonderheit der aktuellen Düsseldorfer Inszenierung „Faust (to go)“: Regisseur Robert Lehniger sucht immer wieder das Wechselspiel zwischen Theater und Film.

Faust kommt nach Düsseldorf – und ist schon dort

Lehniger inszeniert Fausts Tragödie als Roadmovie in und um Düsseldorf. Faust ist wie die Inszenierung selbst immer unterwegs, ständig in Bewegung, nirgendwo zu Hause. Dabei wird Düsseldorf als Stadt doppelt in Szene gesetzt. Einerseits wird „Faust (to go)“ eben selbst an vielen ganz unterschiedlichen Orten in Düsseldorf aufgeführt, die so zur Spielstätte werden. Gleichzeitig tauchen in verschiedenen Filmsequenzen immer wieder bekannte Orte aus der Umgebung auf, wie beispielsweise die Rheinwiesen, die Feiermeile in der Altstadt, aber auch das Pudelparadies in Oberkassel und das Freie Christliche Gymnasium in Reisholz. Somit werden Orte, die man selbst schon besucht hat, die einem vielleicht schon über Jahre bekannt sind, Teil der Aufführung. Hier wird ein Spielen mit Realität und filmischem Erleben deutlich, das sich gleichermaßen in der gesamten Inszenierung erkennen lässt.

„Faust (to go)“ wagt ein geschicktes Spiel zwischen Film und Schauspiel. (alle Fotos: Sebastian Hoppe, Düsseldorfer Schauspielhaus)

„Faust (to go)“ wagt ein geschicktes Spiel zwischen Film und Schauspiel. (alle Fotos: Sebastian Hoppe, Düsseldorfer Schauspielhaus)

Live und echt?!

Man bekommt den Eindruck, dass bei der Inszenierung vor allem auch die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen aufgegriffen wird. Zum Beispiel ihr Umgang mit Medien. Die Kamera (im Handy) ist immer im Anschlag. Jeder Moment muss festgehalten werden. So scheint Margarete mit dem Handy in der Hand für einen Moment alles um sich herum zu vergessen. Oder die Schauspieler filmen sich selbst, während sie miteinander im Spiel sind – und die Videos werden direkt übertragen. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen: Ist das, was ich gerade sehe, „live und echt“ oder nur eine filmisch übermittelte Darstellung?

Dabei wird den Schauspielern eine besondere Leistung abverlangt. Einerseits spielen sie am Abend direkt und greifbar nah auf der „Bühne“, andererseits interagieren sie mit den eingespielten Filmsequenzen. Ein Spiel, das hohe Konzentration und genaues Timing verlangt.

Vor dem Zentralabitur ins Central

Ungewöhnlich und mitreißend ist auch die Mischung der „alten“ goetheschen Sprache mit den modernen Spielelementen. So wird der Faust auf anschauliche Weise in die Moderne transportiert. Deutlich wird dabei: Auch über 200 Jahre nach Veröffentlichung packt „Faust“ Themen an, die Menschen heute noch umtreiben. Wie möchte ich mein Leben gestalten? Was ist mir wichtig? Und wie weit würde ich gehen, um es zu erreichen? Besonders für Schülerinnen und Schüler wird „Faust“ wichtig sein: Das Stück ist für die nächsten drei Jahre Stoff des Zentralabiturs. Aus diesem Grund hat sich Theaterpädagoge Thiemo Hackel besonders dafür eingesetzt, dass Karten für die Vorstellungen im Central in den freien Verkauf kommen. So können Schülerinnen und Schüler das Stück noch mal auf der Bühne sehen, bevor sie dazu geprüft werden.

Zitat Anfang

Ich möchte jungen Menschen zeigen, dass Theater cool ist. Dass es Spaß machen kann zu schauen, aber auch selbst auf der Bühne zu stehen.
Thiemo Hackel, Theaterpädagoge

Zitat Ende

Als Theaterpädagoge ist Thiemo Hackel zusammen mit seiner Kollegin Matin Soofipour am Düsseldorfer Schauspielhaus Hauptansprechpartner für Lehrer und Erzieher. Er stellt Unterrichtsmaterialien zusammen und bietet Lehrern die Möglichkeit, über einen Vorbereitungsworkshop mit den Schülerinnen und Schülern die Themen der Inszenierung spielerisch und durch praktisches Experimentieren kennenzulernen. „Ich möchten den jungen Menschen zeigen, dass Theater cool ist. Dass es Spaß machen kann zu schauen, aber auch selbst auf der Bühne zu stehen“, so Hackel. Außerdem versuche er immer wieder, eine Brücke zum Leben der Jugendlichen zu schlagen. Damit sich die Schülerinnen und Schüler fragen: Was hat das Stück mit mir zu tun? Warum erzählt man das heute noch?

Zwischen Faszination und Abscheu: Faust (Torben Kessler) mit Mephisto (Stefan Gorski). (alle Fotos: Sebastian Hoppe, Düsseldorfer Schauspielhaus)

Zwischen Faszination und Abscheu: Faust (Torben Kessler) mit Mephisto (Stefan Gorski). (alle Fotos: Sebastian Hoppe, Düsseldorfer Schauspielhaus)

Stoff für alle

Stoff für das eigene Leben bietet Faust reichlich – nicht nur für Schülerinnen und Schüler. „Unsere besondere Herausforderung war es, die Inszenierung für ein breites Publikum zugänglich zu machen“, so die Dramaturgin Beret Evensen. Und das, so viel sei schon verraten, ist mit „Faust (to go)“ sehr gut gelungen. Die nächsten Vorstellungen im Central sind bereits ausverkauft, private Termine sind erst wieder für die nächste Spielzeit möglich.

Egal ob im Central oder in einer privaten Vorführung: „Faust (to go)“ macht Spaß. Es macht Spaß zuzusehen, sich überraschen und vom Humor der Inszenierung begeistern zu lassen, das Spiel zwischen Schauspielern und Film zu erleben und die verschiedenen Orte aus Düsseldorf (wieder) zu entdecken. Und sich Fragen zu stellen: Passiert das gerade wirklich oder ist es nur gefilmt? Wie nehmen wir unsere Wirklichkeit wahr? Wie sehr ist das, was wir wahrnehmen, nur vermittelt?

Die Antworten muss jeder für sich selbst finden – und sich dafür vielleicht, wie Faust, auf den Weg machen. So ist „Faust (to go)“ eine Inszenierung, die den Zuschauer auf eine Reise mitnimmt: durch eine bekannte Umgebung, die neu wahrgenommen wird. Eine Inszenierung, die an ungewöhnlichen Orten stattfinden kann und die Sie sich nach Hause holen können.

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