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Der alte Mann und das Eis

Die abenteuerliche Geschichte von Claude Lorius, der 22 Polarexpeditionen mitmachte

Rückkehr ins ewige Eis. Mit 23 Jahren macht er seine erste Expedition ins ewige Eis. Mit 83 Jahren kehrt er zurück, um für den Film „Zwischen Himmel und Eis“ seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Das jahrtausendealte Eis der Antarktis hütet ein Geheimnis: Unzählige eingeschlossene Luftbläschen zeugen vom Klima vergangener Zeiten und seiner Veränderung durch den Menschen. Niemand kennt das Eis hier besser als Claude Lorius. Bei seinen Forschungen verfolgte der französische Wissenschaftler die Klimageschichte unseres Planeten bis 800.000 Jahre zurück.

Alles beginnt im Jahr 1955. Claude Lorius, damals ein 23-jähriger junger Mann mit Tatendrang, antwortet auf eine Kleinanzeige, in der gewissermaßen ein „junger Mann zum Mitreisen gesucht“ wird. Tatsächlich richtet sich die Anzeige an Wissenschaftler, die an einer Antarktisexpedition teilnehmen sollen. Mitten im Studium der Geologie macht er sich mit zwei Kollegen auf den Weg, um ein Jahr in der Antarktis zu überwintern – ohne die Möglichkeit auf Rückkehr oder Beistand. Lorius ahnt es in diesem Moment noch nicht, aber diese erste Expedition im Südpolarmeer ist der Gründungsakt seines Lebenswerks – der Eisforschung.

Whisky on the Rocks

Der Moment, der sein Leben grundlegend verändern wird, ist ein Abend mit den anderen Forschern an der Bar der bescheidenen Unterkunft im weißen Nirgendwo. „Ich sah plötzlich in meinem Whisky, wie die Eisklötzchen durch die Wärme zerbrachen und Luftbläschen freisetzten“, erinnert sich der heute 85-Jährige. „Plötzlich wurde mir bewusst, dass diese Luftbläschen einzigartige und zuverlässige Zeugnisse für die Zusammensetzung der Luft sind.“ Er schmunzelt und fährt fort „In den darauffolgenden Jahren haben wir das bewiesen.“ Damals eine Sensation, die ihm viele Forscherkollegen, vor allem gestandene Fachleute, erst einmal nicht glauben wollten. Doch Lorius liegt richtig. Auf diesem experimentellen Neuland hat der junge Mann erkannt, dass jede Luftblase, die im Eis der Pole eingeschlossen ist, eine Probe der Atmosphäre der Zeit ist, in der sie eingeschlossen wurde. Mit anderen Worten: In tieferen Sphären enthält das Eis die Luft, die die Römer atmeten.

85 Jahre und weiterhin im Einsatz für das Weltklima. Als junger Mann hat sich Claude Lorius in das ewige Eis verliebt. Eine Liebe, die immer noch anhält.

85 Jahre und weiterhin im Einsatz für das Weltklima. Als junger Mann hat sich Claude Lorius in das ewige Eis verliebt. Eine Liebe, die immer noch anhält.

Der Klimawandel eingefroren in Eis

Lorius Entdeckungen führten zu Bohrungen, die ihm schließlich ermöglichten, mehr als 800.000 Jahre unserer Klimageschichte zurückzuverfolgen. Ein Zeitraum, den Wissenschaftler – mit Ausnahme von Archäologen – bisher als unmöglich erachtet hatten. Doch Lorius gefällt nicht, was er bei seinen Studien erkennt. Denn er entdeckt den Ursprung der klimatischen Erwärmung und den Einfluss des Menschen auf unseren Planeten. Eine Erkenntnis, die ihn zum Vorreiter in Sachen Erderwärmung und Klimawandel macht. Sein Leben lang versucht er daher, das Bewusstsein für die Gefahren zu schärfen, denen der Planet durch die Menschheit ausgesetzt ist. Aber allzu oft stößt er auf Schweigen, Unverständnis, Verweigerung und auf politischen Druck. Die Zeit scheint für eine solche Erkenntnis einfach noch nicht reif genug.

Zitat Anfang

Plötzlich wurde mir bewusst, dass diese Luftbläschen einzigartige Zeugnisse für die Zusammensetzung der Luft sind.
Claude Lorius (85), Glaziologe

Zitat Ende

Der Wissenschaft weit voraus

Heute, mehr als 50 Jahre nach Lorius’ Entdeckungen, gibt es keine Zweifel mehr an seinen Aussagen. Viele Wissenschaftler haben seine Theorien bestätigt, die Natur selbst zeigt leider an vielen Stellen, wie sehr er recht hatte. Vielleicht zum letzten Mal meldet sich Lorius selbst zu Wort. In dem Dokumentarfilm des Oscar-gekrönten Filmemacher Luc Jaquet (unter anderen die Reise der Pinguine) „Zwischen Himmel und Eis“. Er erzählt von einer anthropogen verankerten Welt, von dieser neuen Ära, in der der Mensch die Macht ergriffen hat und die Ökologie und den klimatischen Weltmarkt beherrscht. Den roten Faden in diesem preisgekrönten Film liefert in erster Linie eine Fülle an Archivmaterial. In den alten Filmen mit der so charakteristischen Körnung treffen wir auf den damals noch jungen Forscher Lorius, der mit einer Expedition in der weißen Wüste forscht. Die Geschichte der Glaziologie schmückt sich mit ihren Gesichtern und mit außergewöhnlichen Landschaften und Emotionen. Diese Bilder vermischen sich mit denen eines Mannes, der 60 Jahre nachdem er den Eiskontinent zum ersten Mal betreten hat, in die Antarktis und somit in seine Vergangenheit zurückkehrt. Diese Zeitreise prägt sein Gesicht mit einem neuen, viel ernsteren Ausdruck. Man findet darin aber auch die Bewunderung, die der erneute Kontakt mit diesem geheimen Universum immer noch auslöst, das sein Leben lang seine große Leidenschaft war. Im Südpolarmeer besucht Lorius seine Vergangenheit, sein Lebenswerk, fragt aber auch nach dem Platz des Menschen in unserer Welt. Und während der Bericht voranschreitet, sehen wir Lorius heute in den verschiedenen Teilen der Welt, dort, wo die Vorhersagen der Wissenschaftler eingetroffen sind. Die Naturgewalten, die durch den fortschreitenden Klimawandel aktiv geworden sind, bringen ihre ganze Kraft zum Ausdruck.

Lorius erkannte, dass die im Eis eingeschlossene Luft Aufschlüsse über das Klima längst vergessener Zeiten liefern kann. Bis zu 800.000 Jahre können Wissenschaftler heute mit Eisbohrungen in der Zeit zurückreisen.

Lorius erkannte, dass die im Eis eingeschlossene Luft Aufschlüsse über das Klima längst vergessener Zeiten liefern kann. Bis zu 800.000 Jahre können Wissenschaftler heute mit Eisbohrungen in der Zeit zurückreisen.

Claude Lorius ein Prophet?

Alle Prognosen von Claude Lorius sind eingetreten. Dennoch ist Lorius für den Filmemacher Luc Jacquet kein Prophet im herkömmlichen Sinne, sondern eher ein Visionär. „In Lorius’ drei historischen Berichten, die 1985 in dem Magazin „Nature“ veröffentlicht wurden, zeigt er unwiderlegbar die Verbindung von Mensch und Klima und den emittierten Treibhausgasen. Damit öffnet sich die Tür zu einer neuen, besseren Wissenschaft, die es erlaubt, Dinge vorauszusagen und auf globaler Ebene Alarm zu schlagen“, sagt der Filmemacher. Tatsächlich verlässt sich Lorius im Laufe seiner Karriere auf seine Intuition. Seine Kollegen sagen, dass Claude nie eine falsche wissenschaftliche Entscheidung getroffen habe, denn ein Mann wie Lorius ergreife nie das Wort, bevor etwas nicht wissenschaftlich bewiesen sei.

Lorius’ Leben ist die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach dem Unsichtbaren. Sein Leben ist so, weil er die Schneeflocke sieht und sie wichtig nimmt. Lorius weiß am Anfang nicht, was er entdecken wird. Er hätte genauso gut nichts finden können. Aber er hatte von Anfang an die Gabe, in die richtige Richtung zu gehen. Lorius’ Forschung war zweckfrei und verfolgte kein bestimmtes Ziel. Zu Beginn hat sich Claude Lorius nur gefragt, warum es in der Antarktis so kalt ist! Aber vielleicht ist es genau das, was einen großen Forscher und einen großen Vordenker ausmacht – die einfachen Fragen zu stellen und die komplizierten Antworten zu finden.

Übrigens...

Wenn Ihnen der Artikel über Claude Lorius gefallen hat, dann empfehlen wir Ihnen unseren Bericht über die etwas anderen Eisexperten: die Eismacher im ISS Dome .