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Wo die Musik beginnt

Geigenbau zwischen Handwerk und Kunst

In Düsseldorf gibt es einen echten Geigenbaumeister. Wir werfen einen Blick auf dieses jahrhundertealte Handwerk und zeigen, wo heute noch die Faszination in der Tradition steckt. Denn die Geige ist zwar ein Instrument für jeden, aber nicht jeder ist zum Geigenbauer berufen.

In der Werkstatt von Geigenbaumeister Rodolfo Angilletta herrscht konzentrierte Stille. Durchbrochen wird sie vom feinen Klopfen eines schmalen Hammers, dem Schleifen an einem Holzsteg und den kaum hörbaren Pinselstrichen, die einer alten Geige neues Leben einhauchen. Instrumente werden hier nur selten gebaut, wie Geigenbaumeister Angilletta erzählt. „Hauptsächlich restaurieren wir hier alte Geigen.“ Denn gerade professionelle Spieler setzen auf alte Streichinstrumente. Nicht wegen des Klangs, denn den können neue Geigen von geübten Baumeistern ebenso erzeugen. Aber die Geschichten, die jedes Instrument erzählt, machen es zu etwas Besonderem. Welcher Baumeister hat sie gebaut? Wo kommt sie ursprünglich her? Welcher Meister hat auf ihr gespielt? Auch die Bestätigung kann wichtig sein: Hat ein Virtuose auf diesem Instrument bereits klangvoll gespielt, weiß man, dass es sich um ein gutes Instrument handelt. Und jeder ihm schöne Töne entlocken kann, wenn er das Talent besitzt. Eine Geige aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts gilt übrigens als modern. Erst mit mindestens 150 Jahren gilt sie als alt.

Generell umfasst der Begriff Geige verschiedene Streichinstrumente, auch wenn er häufig die Violine bezeichnet. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden aber auch häufig Violas, Bratschen oder Fideln so genannt. Um Verwirrungen vorzubeugen, wird der Begriff Geige daher im Folgenden sehr häufig fallen, da er leider nicht zu ersetzen ist.

Zitat Anfang

Wenn wir von alt sprechen, sprechen wir von einer Geige, die mindestens 150 Jahre alt ist.
Rodolfo Angilletta, Geigenbaumeister

Zitat Ende

Geige – ein Instrument für jedes Alter

Bereits Kinder können mit dem Geigespielen anfangen. Angillettas Tochter Emilia hat beispielsweise mit vier Jahren angefangen zu üben. Und spielt mit ihren acht Jahren heute fast besser als ihr Vater. Aber auch wer nicht so früh anfängt, erzielt gute Fortschritte. „Man kann in jedem Alter Geige spielen lernen. Nur eine Profikarriere wird kein Thema mehr sein, wenn man erst mit Vierzig anfängt“, sagt Angilletta, der zunächst Gitarre spielte und selbst die Geige mit 18 Jahren zum ersten Mal in die Hand nahm. Egal, ob man als Erwachsener oder als Kind anfängt: Um Fortschritte zu erzielen, sollte man dem Spiel jeden Tag mindestens zehn oder fünfzehn Minuten widmen.

Aus einem hölzernen Korpus wird mit viel Liebe eine fertige Geige, die es mit alten Meisterstücken aufnehmen kann.

Aus einem hölzernen Korpus wird mit viel Liebe eine fertige Geige, die es mit alten Meisterstücken aufnehmen kann.

Die Auswahl der richtigen Geige

Gerade wenn man mit dem Spielen anfängt, ist die Auswahl der richtigen Geige relevant, damit man auch Erfolgserlebnisse erzielt. Bei Kindern ist die richtige Größe am wichtigsten. Denn die Armlänge spielt eine entscheidende Rolle beim Geigenspiel und damit auch Länge und Größe des Instruments und seines Stegs. Allerdings wachsen Kinder schnell, die richtige Geige von heute ist morgen schon zu klein. Nicht jeder kann es sich leisten, ständig ein neues Instrument anzuschaffen. Aber Rodolfo Angilletta bietet eine günstige Lösung: Mietgeigen. Diese sind häufig ältere, restaurierte Modelle, die sich nicht mehr zum professionellen Spielen eignen, aber fürs Lernen perfekt sind. Auch für den Anfang kann ein Mietinstrument eine tolle Option sein. So lässt sich kostengünstig prüfen, wie viel Spaß das Spielen wirklich macht, bevor ein teures Kaufinstrument in der Ecke liegt.

Von Cremona nach Düsseldorf

Wie kam Rodolfo Angilletta überhaupt zum Beruf des Geigenbauers? In einer Zeit, in der immer mehr Tätigkeiten vor dem Rechner ausgeübt werden, scheint ein handwerklicher Beruf wie der des Geigenbauers fast anachronistisch zu sein. Tatsächlich war es mehr ein Zufall, der Angilletta ins Handwerk bringt. Nachdem er die Schule beendet hat, tourt er auf dem Fahrrad durch Italien. Und kommt so auch in die Stadt Cremona. Cremona, die Traditionsstadt des Geigenhandwerks! Hier haben Stradivari, Amati und Guarneri ihre Geigen gebaut. Und noch heute gilt die Stadt in der Lombardei als Mekka für Geigenbauer und -liebhaber. Etwa 150 von ihnen leben aktuell dort. Auch die wichtigste Messe für Streichinstrumente, die Cremona Mondomusica, findet hier statt. Ebenfalls in Cremona beheimatet: die Scuola Internazionale di Liuteria, die Geigenbauschule, an der auch Rodolfo Angilletta gelernt hat. „Die Schule in Cremona ist nicht unbedingt die bestorganisierte, aber die Stadt und das Ambiente sind einfach phänomenal.“

Zitat Anfang

Die Entscheidung, eine Geige zu bauen, fängt ja damit an, dass ich entweder eine Geige gehört habe oder gesehen habe, die mich fasziniert hat.
Rodolfo Angilletta, Geigenbaumeister

Zitat Ende

In seiner Zeit in Cremona lernt Angilletta auch, das Material zu lieben: Holz. Er arbeitet schon immer gerne mit diesem natürlichen Rohstoff. Eines seiner Lieblingshölzer stammt von einer Fichte, die er vor zwanzig Jahren mit Schulkameraden in Cremona schlug. Die Decken fertigt er bereits damals aus dem Holz. Noch heute lagern einige dieser Rohlinge bei ihm in der Werkstatt und warten darauf, weiterverarbeitet zu werden. „Ich habe jetzt vor Kurzem die erste Geige damit gebaut und muss sagen, das ist eins der besten Tonhölzer, das ich je in der Hand hatte.“

Liebe zur Handwerkskunst

Eine Geige zu bauen ist für Rodolfo Angilletta nach wie vor etwas Besonderes. Auch oder gerade weil er neben seinem Tagesgeschäft maximal eine im Jahr schafft. Und im Gegensatz zu seinem Tagesgeschäft, das für ihn Handwerk ist, beginnt hier für ihn richtige Kunst. Denn jeder Geige, die er baut, verleiht er eine eigene Persönlichkeit. Beeinflusst wird er dabei von Klang und Aussehen der Instrumente, die er gehört und gesehen hat. Das sind im Laufe der Zeit viele gewesen. Daher ist auch jede Geige, die er baut, eine Mischung aus verschiedenen Vorlieben. Stolz ist er besonders auf ein Werk von sich: Eine Dreiviertel-Geige, die er vor zwölf Jahren selbst gebaut hat und die jetzt nur an sehr begabte Kinder verliehen wird. Und die natürlich auch von seiner Tochter Emilia gespielt werden soll, wenn sie die entsprechende Größe hat. Ein Moment, auf den sich Rodolfo Angilletta freut, denn so entsteht in seiner Familie eine weitere Verbindung zur Tradition des Geigenbaus. Genau wie bei den alten Geigenbauerfamilien aus Cremona.